Nachhaltige Schule

Am 10. November 2020 fand die Videotagung der Katholischen Volks- und Sonderschulen 2020 statt. Unter dem Motto #einfach vernetzt, #einfach nachhaltig riefen die Referentinnen dazu auf, Bildung neu zu denken. Nachhaltigkeit, die Veränderung von Werten, Lernsettings und Strukturen standen im Vordergrund.

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Aufgrund der aktuellen Covid-Situation wurde die Tagung von Matrei in Tirol ins WorldWideWeb verlegt. (c) Ordensgemeinschaften Österreich

Clemens Paulovics, der neue Leiter des Bereichs Bildung und Ordensschulen der Ordensgemeinschaften Österreich eröffnete, die Gesamtösterreichische Tagung der Schulerhalterinnen und Schulerhalter sowie Direktorinnen und Direktoren Katholischer Volks- und Sonderschulen, die eigentlich in Matrei in Tirol hätte stattfinden sollen.

„Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich“ ist das Credo, nach dem Paulovics arbeitet. Gerade deshalb freute er sich außerordentlich, dass trotz widriger Umstände und einer höchst fordernden Situation an den Schulen so viele der Einladung zu diesem virtuellen Format gefolgt waren.

Die ganze Veranstaltung stand unter dem Thema der Nachhaltigkeit und das soll auch im Jahr 2021, bei der nächsten Präsenztagung, wieder aufgegriffen und intensiviert werden.

Nach einer schwungvollen Begrüßung und einem Videoimpuls zu Psalm 121, der zu kurzem Durchatmen einlud, ging man gleich in medias res und startete mit Breakout-Sessions. In diesen Gesprächsrunden konnten sich alle TeilnehmerInnen zu aktuellen Themen und Problemstellungen, oft rund um die Covid-Krise, austauschen.

Laudato si- #einfach vernetzt

Magdalena Holztrattner, Theologin und Armutsforscherin, begann als erste Referentin zum Thema „#einfach vernetzt – Alles ist mit allem verbunden“ und präsentierte eine mitreißende Einführung in die Sozialenzyklika von Papst Franziskus. Ihre Übersetzung, Deutung und Zusammenfassung war sehr nah am Menschen formuliert und vermittelte eine Aufbruchsstimmung, die viele TeilnehmerInnen genau dort abholen konnte, wo sich momentan die großen Baustellen und Fragezeichen auftun.

Benannt sei die Enzyklika nach dem Sonnengesang von Franziskus von Assisi. Holztrattner beschrieb Franziskus als den“ Punk unter den Heiligen“, er sei berühmt gewesen für seine Radikalität und seine Verbundenheit mit der Natur, Gott und den Menschen.

Eine ähnliche Linie vertrete der Papst selbst, indem er dieses Werk nicht nur für die Obrigkeiten der Kirche schrieb, sondern für alle Erdenbürger. Die „Sorge für das gemeinsame Haus“ betreffe nicht nur ChristInnen, sondern alle Menschen. Einen solch globalen Blick gäbe es noch nicht so lange in der 2000jährigen Kirchengeschichte, hob Holztrattner hervor.

Das hochpolitische Schreiben entstand 2015 in Kooperation mit hochdotierten WissenschaftlerInnen aller Disziplinen und wurde bewusst im Juni, einige Monate vor der Weltklimakonferenz veröffentlicht, bei der das Pariser Abkommen unterschrieben wurde.

Irrglaube, dass Technik und Ökonomie alle Probleme lösen

Eine der grundlegenden Aussagen von Laudato si sei, dass wir an einem technoökonomischen Paradigma leiden würden. Also am Glauben, dass mit Technik und Ökonomie alle Probleme zu lösen seien. Auch bei Corona würden wir denken, dass alles wieder gut werde, wenn nur schnell die Impfung da sei.

Fokus auf Wachstum = Ausbeutung

Doch das Problem sei der permanente Fokus auf Wachstum, der einzig auf der Ausbeutung von Natur, Menschen und Ressourcen basiere, die nicht wieder nachwachsen könnten. Papst Franziskus sei nicht gegen die Wirtschaft, aber er stelle in Frage, wie sie gehandhabt werde.

Heute gingen wir oft von der Haltung aus, dass das Objekt vom Subjekt getrennt sei. Und diese scheinbare Trennung des Ichs vom Anderen ziehe sich durch die komplette westliche Kultur, so Holztrattner. An diesem Individualismus-Denken gelte es anzusetzen und andere Menschen eher als Geschwister denn Human Ressources zu sehen.

Der Glaube, dass alle Probleme von der richtigen Technik beseitigt werden könnten, sei einfach unwahr. Der Klimawandel könne nicht von heute auf morgen nur durch Betätigung des richtigen Schalters bekämpft werden.

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Foto (v.l.n.r.): Clemens Paulovics (Leiter des Bereichs Bildung und Ordensschulen der Ordensgemeinschaften Österreich), Peter Bohynik (Geschäftsführer der Ordensgemeinschaften Österreich) und Magdalena Holztrattner (Theologin und Armutsforscherin). (c) Ordensgemeinschaften Österreich

Handlungsaufforderungen an TeilnehmerInnen

Die Handlungsaufforderungen und Lösungsansätze, die Holztrattner den anwesenden DirektorInnen mitgab, waren eine Haltung der Ganzheitlichkeit und ein #einfach vernetztes Denken und Leben. Weniger sei mehr, der verschwenderische Konsum müsse zurückgefahren werden auf ein nachhaltiges Maß. Es gelte das Wissen zu vermitteln, dass Poesie, Musik, Sport und Natur uns alle genauso verbinden wie die digitale Technik, die momentane Zoom-Tagungen ermögliche.

Jede und jeder Anwesende solle sich die Frage stellen, was es braucht, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen und erkennen, dass alles mit allem verbunden ist.

Bildung neu denken

Margret Rasfeld schloss mit Ihrem Vortrag direkt an den Appel von Magdalena Holztrattner an. Auch sie betonte, dass unsere derzeitige Lebensweise, nach dem Motto „mehr, mehr, schneller, besser, weiter“ schuld daran sei, dass wir uns in einer tiefen existentiellen Krise befänden. Wir würden im falschen System leben.

Schulsysteme im 21. Jahrhundert

Um dieser Krise entgegenzuwirken sei ein grundlegender Kulturwandel vonnöten. Auch hier die Linie von Laudato si, weg vom Ego hinein in die Kraft des Wirs, weg von der Profitmaximierung, hin zum Gemeinwohl.

Ausweg und Antwort sieht Rasfeld in der Bildung. Selbst erfahrene Pädagogin, betont sie, dass wir stolz auf den Aufbau unseres guten Schulsystems sein könnten, nun brauche es aber eine Vision für die Bildung des 21. Jahrhunderts. Dabei dürfe man den Einfluss der Schulen nicht unterschätzen, sie sind es, die die Einstellungen und Haltungen der nächsten Generationen prägen. Und dabei gehe es nicht nur um die Abarbeitung von Inhalten des Lehrplans, sondern vor allem um die Zeit für gelebte Kultur, um Beziehung, Wertschätzung, Partizipation, Verantwortung und Sinn – um den „heimlichen Lehrplan“.

Rankings kontraproduktiv

Kontraproduktiv in diesem Sinne seien Rankings und Noten, sie würden alte Muster bedienen und durch sie habe die Ökonomisierung unserer Gesellschaft auch in die Schulen Einzug gehalten durch Standards, Vermessung und Vergleichsmöglichkeiten. Kinder würden automatisch Teil dieses permanenten Optimierungsgedankens. Das führe zu Stress, rund 40% der SchülerInnen und Schüler würden heute unter psychosomatischen Beschwerden leiden, hervorgerufen durch Versagensängste.

Individuelle Lernprozesse, Feedback und Coaching könnten Räume aufmachen, in denen Vertrauen, Zutrauen, Fehler und Kommunikation Platz hätten.

Zukunft als Gestaltungsauftrag

Um eine Änderung in Gang zu setzen, hat Rasfeld 2012 die Initiative „Schule im Aufbruch“ mitgegründet. Heute bekomme ihr Team täglich neue Anfragen, aktuell würden rund 45 Schulen mit dem Whole School Approach begleitet.

Ziel von Rasfeld ist hochwertige inklusive Bildung, die die Veränderung von Werten, Lernsettings und Strukturen in Bildungsinstitutionen mitdenkt. Eine Partizipationskultur müsse in Schule und Gesellschaft etabliert werden- Zukunft sei ein Gestaltungsauftrag!

[magdalena schauer-burkart]