Gott will das Heil der Menschen

Über Solidarität, Achtung und unaufgeregte Religiosität in einer außergewöhnlichen Zeit. Gedanken von Reinhold Esterbauer, Philosophieprofessor an der Universität Graz.


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Gemeinsam sich in schwierigen Zeit zu unterstützen ist als Gesellschaft unsere Stärke. (c) unsplash

Das Bestreben, alles im Griff zu haben, ist zugleich der Versuch, sich gegen alles zu schützen, was eine Gefahr bedeuten könnte. Wie das Coronavirus zeigt, ist eine Bedrohung bisweilen nicht einmal eingrenzbar, sondern kann die ganze Welt erfassen, ohne dass Gegenmaßnahmen zur Verfügung stünden, um das Übel nachhaltig einzudämmen. Sosehr wir Menschen gewöhnlich darauf vertrauen, dass wissenschaftlicher Fortschritt in der Lage ist, ernste Probleme zu lösen, müssen wir doch immer wieder zur Kenntnis nehmen, dass Medizin und Technik Grenzen gesetzt sind. Darüber hinaus erweisen wir uns selbst immer wieder als fehlbar und unzuverlässig. So scheinen politische und gesellschaftliche Differenzen die Beseitigung unmenschlicher Flüchtlingslager an den Grenzen Europas zu verhindern. Nicht nur in Österreich, sondern auch in vielen europäischen Staaten fehlt der politische und individuelle Wille, sich dieser humanitären Katastrophe mit Nachdruck zu stellen. Auch die Klimakrise führt vor allem der „Ersten Welt“ vor Augen, dass neben ökologischen auch ethische Standards notwendig wären, die eingehalten werden müssten, um die Situation zu verbessern. Obwohl der aktuelle aufwendige Lebensstil nicht weiter tragbar ist, hat der Ernst der Lage bislang nicht zu einer tiefgreifenden Einschränkung von Ansprüchen geführt. Die menschliche Beschränktheit zeigt sich angesichts des Ernstes der Lage, die das Coronavirus herbeigeführt hat, in noch einmal intensiverer Weise. Denn die menschliche Verletzbarkeit ist durch die Gefahr, jederzeit selbst erkranken zu können, unmittelbar und individuell geworden. Die befürchteten Auswirkungen scheinen nicht mehr relativ weit weg zu sein, sondern bilden hier und jetzt ein Problem, das einem mitunter Angst macht.

Gemeinsamkeit als Stärke

Doch wie die eingeleiteten Gegen- und Vorsichtsmaßnahmen der Bundesregierung und auch der Religionsgemeinschaften zeigen, ist trotz der Hoffnung, dass möglichst bald Impfungen und wirksame Medikamente auf den Markt kommen werden, jetzt Solidarität zwischen den Menschen gefragt. Sie ist ein wesentlicher Faktor für die Eindämmung der Pandemie. Denn obwohl Gefährdung von außen das Zusammengehörigkeitsgefühl zunächst stärkt, schlägt weiter ansteigender Druck schließlich aber in Egoismus um, sodass man danach strebt, vor allem für die eigene Sicherheit zu sorgen. Die Hamsterkäufe und die oft rational nicht nachvollziehbare Panik gegenüber Menschen, die man für potentiell infiziert hält, zeigen, wie fragil Solidarität ist, die in solchen Situationen besonders wichtig wäre. Diese Haltung, die die Bibel Nächstenliebe nennt, lässt demgegenüber junge Leute Einkaufsdienste für Ältere übernehmen, die ihre Sozialkontakte stark einschränken müssen. Ebenso setzt sich das Personal in Medizin, Pflege und Seelsorge trotz seiner Eigengefährdung für Infizierte in den Krankenhäusern sowie Alten- und Pflegeheimen ein. Dazu braucht es Mut und die Bereitschaft, für den Nächsten und die Nächste dazusein. Solche Solidarität ist derzeit besonders gefragt.

Wirtschaftlich oder Leben?

Es gibt mehrere Szenarien, wie dem Sars-CoV-2 zu begegnen sei. Die Regierung appelliert an die Bürgerinnen und Bürger, alles zu unternehmen, was eine schnelle Ausbreitung des Virus verhindert, damit die medizinische Versorgung gewährleistet ist und vor allem ältere Menschen und solche, die durch eine Vorerkrankung besonders gefährdet sind, optimal betreut werden können. Man möchte damit die Sterblichkeitsrate möglichst gering halten. Leider ist in Gesprächen über die Bekämpfung des Virus auch bereits zu hören, dass es zielführender wäre, die Infektionsgeschwindigkeit nicht zu drosseln, damit die Pandemie schnell viele Menschen erreiche und bald wieder vorüber sei. Auf diese Weise würden zwar viele sterben, aber die Wirtschaft würde weniger Verluste erleiden und die Produktion könne schneller wieder den Normalpegel erreichen. Offenbar möchten einige Menschen eine weitaus höhere Mortalität akzeptieren und die Toten mit den geringeren wirtschaftlichen Verlusten gegenrechnen. Auf erschreckende Weise wird oft zusätzlich ins Feld geführt, dass es sich bei den Opfern ohnehin „nur“ um Alte und Schwache handelte.

Eine solche Ansicht, die den Menschen verrechenbar macht, widerspricht dem humanitären Grundsatz, dass die Menschenwürde uneingeschränkt für alle gilt. Auch wenn man in Extremsituationen geneigt ist, vorschnelle Schlüsse zu ziehen, geht es nicht an, Menschen einen Preis zuzuschreiben und ihre Würde zu missachten. Wenn die Bibel von der Gottebenbildlichkeit spricht, meint sie nicht nur, dass diese für alle Menschen, sondern auch, dass der Bezug des Menschen zu Gott für alle in gleicher Weise gilt. Gefährdete alte Menschen, Schwache und Kranke bedürfen deshalb besonderer Aufmerksamkeit und dürfen nicht zum Inhalt wirtschaftlicher Spekulationen degradiert werden. Umgekehrt ist Solidarität mit jenen geboten, die große Verluste hinnehmen werden oder sogar in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet sind, auch wenn dafür alle Bürgerinnen und Bürger Einschränkungen in Kauf nehmen müssen.

Glaube an das Gute

Krisen erzeugen oft Angst, die sich mitunter in apokalyptischen oder verschwörungstheoretischen Vorstellungen Bahn bricht. Zu meinen, Gott hätte das Coronavirus geschickt, um die Menschen wieder zum Glauben zu führen oder gar unmoralisches Leben zu bestrafen, sind haltlos und widersprechen der christlichen Vorstellung, dass Gott nicht das Leid, sondern das Heil der Menschen im Blick hat. Darüber hinaus trüben Endzeitszenarien und Untergangsstimmungen oft den klaren Blick darauf, was nottut, und lösen panische Reaktionen aus. Demgegenüber verhilft der Glaube an das Gute den Menschen zur Hoffnung, dass diese Krise durch gemeinsame Anstrengung und die Hilfe Gottes überwunden werden kann. Es geht darum, dass auch Glaubende nüchtern daran mitarbeiten, dass Kranke getröstet werden und möglichst bald wieder gesunden sowie die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt wird.

In der gegenwärtigen Krise zu leben heißt also, solidarisch zu sein mit den Erkrankten und Infizierten, aber auch mit allen, die sich bemühen, das Gebotene zu tun, und weder nur den eigenen Vorteil zu suchen noch politisches oder sonstiges Kapital aus der labilen Situation zu schlagen. Besondere Aufmerksamkeit brauchen alte, gebrechliche und gefährdete Menschen, gerade dann, wenn sie Gefahr laufen, als Menschen zweiter Klasse betrachtet zu werden, oder gar mit ihnen „gerechnet“ wird. Religionskritik ist vor allem dann gefordert, wenn Ängste falsche Gottesbilder entstehen lassen oder Endzeitszenarien das Coronavirus religiös instrumentalisieren. Im Blick auf Ostern vertrauen Christinnen und Christen zudem auf Gottes Hilfe, wenn es darum geht, Krisen möglichst gut zu bewältigen.


*Der Text wurde auf der Homepage der Diözese Graz-Seckau veröffentlicht

Reinhold Esterbauer

Univ. Prof. Reinhold Esterbauer ist seit 2000 Leiter des Instituts für Philosophie an der theologischen Fakultät der Universität Graz. Er ist spezialisiert auf die Philosophie rund um Religion und Natur sowie auf die philosophische Anthropologie und die Philosophie von Emmanuel Levinas.

[elisabeth mayr]