Weltfrauentags-Serie Tag 3: Rolle und Aufgaben einer Oberin

Heute beschäftigt sich Generaloberin der Eucharistie Schwestern, Sr. Margaretha Tschische, mit der Rolle und den Aufgaben, die eine Oberin heute übernehmen muss und wie sie ihre Aufgabe zeitgemäß er-und ausfüllen kann. 


20200227 Frauentag JETZT Hefte 8

" Dass weltweit Ordensfrauen bis in die heutigen Tage ausgebeutet, missbraucht und von kirchlichen Amtsträgern nicht ernstgenommen werden, hat unlängst eine römische Umfrage ergeben. Das macht mich traurig und wütend!  betont Sr. Margaretha Tschische beim Lesen des Textes aus 1969. (c) Schauer

1969: P. Willi Reust SJ, Zürich

„Mangelnde Selbstentfaltung innerhalb einer Ordensgemeinschaft bewirkt unausweichlich neurotische Reaktionen und verhindert die organische Ausreifung der gesamten Affektivität. Oft hört man heute noch die nicht immer berechtigte Klage von Ordensfrauen: Man ist fast nur noch ein Arbeitstier; den ganzen Tag ist man eingespannt und dazu noch vielfach überlastet.

Solche Schwestern sind dann einfach zu müde für herzliche Offenheit gegenüber den andern innerhalb und außerhalb des Klosters, oder sie wirken nervös gespannt und unnatürlich. In die gleiche Linie gesunder Entfaltung der weiblichen Persönlichkeit einer Ordensfrau gehört auch, dass die Schwestern schon vom Noviziat an, im gläubigen Vertrauen auf die Führung des Heiligen Geistes und nicht nur im Vertrauen auf die eigene erzieherische Leistung, zur Freiheit des eigenen Gewissens und darin auch zum mündigen Gehorsam erzogen werden.

Es ist heute nicht mehr erlaubt, die Schwestern so zu führen, dass sie auf die Idee kommen müssen, es sei den Oberinnen willkommen, das eigene Gewissen zu beurlauben, weil die heilige Regel schon alles so schön vorgesehen und festgelegt habe. Die Folge wäre ein lebensfremder Formalismus, geziert mit religiösem Flitter.
Diese angezielte Freiheit hat nichts zu tun mit Willkür und Freizügigkeit. Es geht da um eine Freiheit, die der Mensch als Partner Gottes und als Geschöpf von seinem Schöpfer bekommen hat. Solch freies Handeln ist letztlich immer ein Gespräch mit Gott und schließt notwendigerweise den Gehorsam gegenüber dem führenden Willen Gottes in sich.

Echter Gehorsam ist also nicht ein passives Sich-schieben-Lassen, sondern ist initiativ, anspornend und entfaltet die Ordensfrau mit ihren Kräften und Fähigkeiten. Eine kluge und mütterliche Oberin wird die Initiativen der Schwestern aufnehmen, koordinieren und zur Geltung bringen, auch wenn nicht alles immer schon sicheren Erfolg garantiert. Auf der Suche sind wir heute alle.

P. Willi Reust SJ, Zürich

Aus "JETZT", Zeitschrift der österreichischen Ordensfrauen, 1/1969

 

2020: Sr. Margaretha Tschische CSSE, Generaloberin Eucharistie Schwestern, Kloster Hernau

"Dem Inhalt der ausgewählten Textstelle von P. Willi Reust, kann ich nur zustimmen, vor allem, wenn ich auf die Entstehungszeit des Textes blicke, wo rund um das zweite Vatikanische Konzil, viel kirchlicher Um-und Aufbruch erlebbar wurde.

Das zweite Vatikanische Konzil hat, nicht nur für das kirchliche Verständnis und seinen Bezug zu anderen Religionen und Welt, dem Leben und Feiern große Veränderungen gebracht. Die gemeinsame Würde aller Menschen, egal welchen Geschlechtes und Standes, die Gemeinsame Berufung aller Christen im Heilswerk Jesu Christi, wurden in vielen Dokumenten ausgefaltet und allen Gläubigen als Richtschnur für das christliche Leben ans Herz gelegt.  

Änderungen nach dem 2. Vatikanum

Auch in den Ordensgemeinschaften sorgte das II Vatikanum für Veränderungen. Die Praxis der Liturgie, das Selbstverständnis der Ordensfrauen hat sich verändert, wie auch eine gewisse „Zweiklassengesellschaft“ in so manchen Orden. Bildung und Besitz entschieden oft beim Eintritt darüber ob eine Schwester Dienstmagd oder Chorfrau wurde. Verständlich, denn die einfachen Frauen konnten kein Latein und die Arbeit musste ja auch erledigt werden. So hatten die einfachen Schwestern teilweise nicht einmal ein Brevier und durften auch nicht in den Chorraum zu den Gebetszeiten. Oder sie beteten Latein ohne die Sprache zu kennen. Das miteinandersprechen, wenn es nicht unbedingt nötig war, auch das hinterfragen von Gewohnheiten, Arbeitszuteilungen und Versetzungen waren nicht erwünscht. Auch Informationen über Radio und Zeitung, war oft einzelnen Schwestern vorbehalten, die ausgewählte Nachrichten weitergaben.

Solche Erzählungen von älteren Mitschwestern über ihre Anfänge in den Gemeinschaften, versetzten mich oft genug ins Staunen und lassen mich verstehen woher gewisse Prägungen und Praxisideale kommen. Dass weltweit Ordensfrauen bis in die heutigen Tage ausgebeutet, missbraucht und von kirchlichen Amtsträgern nicht ernstgenommen werden, hat unlängst eine römische Umfrage ergeben. Das macht mich traurig und wütend!

Enger Gehorsam öffnet Raum für geistlichen Missbrauch

Anscheinend ist mit dem Willen Gottes einem engen Gehorsamsverständnis und einer falschen Demutshaltung immer noch Druck zu machen. Für mich fällt dies unter geistlichen Missbrauch. Die Definition der evangelischen Räte von heute lässt aufatmen und bringt es auf den Punkt; „wach - einfach – gemeinsam“, finde ich in den Kernaussagen sehr gelungen und beinhaltet Haltungen die für das Ordensleben entscheidend sind.

Meine „Karriere“ als Ordensfrau hat natürlich erst später in den achtziger Jahren begonnen und ich suchte mir eine relativ junge Gemeinschaft aus, die eine seelsorgliche Ausrichtung hatte. Zudem hatte ich schon vor Klostereintritt eine pastorale Ausbildung in der Lehranstalt für pastorale Berufe absolviert, so dass ich nach dem Noviziat sofort in der Erzdiözese Salzburg eine Anstellung bekam. Über 30 Jahre habe ich als Pastoralassistentin und Pfarrassistentin in verschieden Pfarren gearbeitet und auch vor Ort gewohnt.

Selbständigkeit und Selbstverantwortung sind dafür notwendig, zudem der Spagat, die Verbindung zur Ordensgemeinschaft im ausreichenden Maß zu pflegen, was manchmal eine zeitliche Herausforderung war, denn es setzt ein tiefes Vertrauen der Ordensleitung voraus. Dafür bin ich auch dankbar!

Auf die einzelnen Schwestern zuschauen, ihre Charismen zu fördern, sie ganzheitlich als Mensch wahrzunehmen, sie zu stützen und begleiten, ist jetzt als Oberin meine Aufgabe. Natürlich sind alle Schwestern älter geworden, gebrechlicher und auf Unterstützung angewiesen, die Jüngeren nicht im Haus, eine Situation wie in vielen Gemeinschaften.

Miteinander den Weg gehen – vielleicht auch zu Ende gehen, mit Gottes Hilfe die vielleicht letzte Wegstrecke der Gemeinschaft und darauf vertrauen, dass Gott alles zum Guten führt.

Sr. Margareta Tschische 700
Sr. Margaretha Tschische, Generaloberin der Eucharistie Schwestern im Kloster Hernau


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 [magdalena schauer]