„Wenn wir unsere Stimme nicht erheben, wer soll für sie sprechen?“

Bei einer Pressekonferenz der „Initiative für Asylwerber In Ausbildung“(AIA) am 4. 3. 2020 in der Wirtschaftsschule der Franziskanerinnen in Amstetten stellte man den Brief der Initiative vor, der sich für 16 Asylwerber einsetzt, die derzeit an der Schule ihre Ausbildung absolvieren.

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Bei der Pressekonferenz sprachen: (v.l.n.r.) Hans Müller, Ester Steininger, Sr. Elvira Reuberger, Elisabeth Ortner und Direktor Leopold Dirnberger in der Wirtschaftschule Amstetten. (c) Martin Gsellmann

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Der Direktor der Ordensschule, Hofrat Leopold Dirnberger, begrüßte die MedienvertreterInnen und Interessierten, sowie zahlreiche UnterstützerInnen im Werksaal der Schule, an deren Wände Fotografien zu sehen sind, wo SchülerInnen die drohende Abschiebung thematisieren. Dirnberger: „Jedem vernünftigen Menschen in der Pädagogik ist klar, dass gut ausgebildete Menschen hier da bleiben sollen.“ Anlass der Pressekonferenz war ein Brief der Initiative an Bundespräsident, Bundesregierung, Parlamentsmitglieder und der Landeshauptfrau und Mitglieder der niederösterreichischen Landesregierung.

Sr. Elvira Reuberger, stellvertretende Generaloberin der Schulschwestern vom III. Orden des hl. Franziskus in Amstetten betonte in ihrem Statement das Engagement des Ordens für Arme und Auszubildende, der seit 1855 in Niederösterreich an vielen Standorten wirkt. „Bildung und Erziehung sind die einzigen Mittel, die es ermöglichen, dass junge Menschen ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten können.“ Sr. Elvira wies darauf hin, dass abgeschobene Jugendliche, die eine katholische Schule in Österreich besucht haben in ihren Heimatländern deswegen verfolgt werden.

Dr. Ester Steininger, die Schulärztin an der Wirtschaftsschule Amstetten, machte über die schwierige gesundheitliche Situation der Jugendlichen aufmerksam. Die psychische Angst, dem die Asylwerbenden ausgesetzt seien, mache nicht nur diese krank, was von Schlafstörungen, massiven Depressionen bis zur Suizidgefahr reiche, sondern erfasse auch das unmittelbare Umfeld der SchülerInnen. „Menschen haben ein Recht auf gesundheitliche Integrität“, schloss die Schulärztin ihr Statement.

Anliegen der Zivilgesellschaft

Hans Müller, der stellvertretende Obmann des „Verein Vielfalt nutzen in Ybbs“ erzählte von seinen Erfahrungen mit der Betreuung von bis zu 120 Flüchtlingen in Ybbs an der Donau. Die vielen Vereine und UnterstützerInnen seien ein Zeichen der Zivilgesellschaft, dass es ein großes Anliegen sei, gut ausgebildete Jugendliche in dem Land – wo auch in Mangelberufen wie der Pflege Bedarf sei – zu behalten. Müller nahm auch Bezug auf die Situation an der griechisch-türkischen Staatsgrenze. Es sei eine bedrohliche Situation und keinesfalls dürfe man sich erpressen lassen, aber zum Vorwurf mit der Initiative für Asylwerber in Ausbildung sei man ein „Pullfaktor“ entgegne er, nur wenn die Solidarität ein Pullfaktor werde, könne man die großen globalen Herausforderungen bewältigen.

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Eine der Fotoarbeiten der Wirtschaftschule Amstetten, die sich mit der Abschiebung von Asylwerbern beschäftigt. (c) Wirtschaftschule Amstetten

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Elisabeth Ortner, Lehrerin an der Schule erzählte über ihre Erfahrungen in den sogenannten „Übergangsklassen“ mit abzuschiebenden Asylwerbern. So gab es zum Beispiel einen Jugendlichen, der als ausgebildete Pflegekraft bereits eine Anstellung bei der Lebenshilfe in Linz in Aussicht hatte und dazu den Führerschein machte. Bevor er seinen Job antreten konnte wurde er ins Flugzeug gesetzt und abgeschoben. Ortner forderte für die Auszubildenden die Rot-Weiß-Rot-Karte.

Brief der Initiative AIA an Bundespräsidenten

Der Brief der „Initiative für AsylwerberInnen In Ausbildung“ zählt vier Argumente auf, warum man AsylwerberInnen in Ausbildung nicht nach erfolgter Ausbildung abschieben solle. Als humanitärer Grund wird die belastete Unterrichtssituation durch die psychosomatischen Krankheitsbilder von Asylwerberinnen benannt. Als wirtschaftliches Argument wird angegeben, dass es unökonomisch sei in Ausbildung zu investieren und diese nicht in gesellschaftlichen Nutzen umzuwandeln. Vor allem erfahre das Argument durch die anstehende Pensionierungswelle der „Boomer-Generation“ eine besondere Dringlichkeit. Als Grund Asylwerbern in Ausbildung eine Zukunft zu bieten wird im Brief, der von Generaloberin Franziska Bruckner und Direktor Leopold Dirnberger unterschrieben wurde, auch die öffentliche Sicherheit aufgeführt. Abzuschiebende tauchten in Illegalität ab und würden anfällig für Radikalisierung werden. Als viertes Argument wird der „Respekt des Staates gegenüber ehrenamtliche Integrationsarbeit“ aufgezählt. „ÖsterreicherInnen müssen frustriert und hilflos zusehen, wie alle Bemühungen zunichte gemacht werden und wertvolle Beziehungen verloren gehen“, heißt es wörtlich.

Sr. Hildegund Kammerhofer von den Franziskanerinnen Amstetten betonte die Folgewirkungen von Abschiebungen ausgebildeter AsylwerberInnen: „Gut ausgebildete, arbeitswillige Jugendliche, die abgeschoben werden, sind keine guten Botschafter. Sie werden keine guten Friedensbotschafter sein“, so Sr. Hildegund. Und Sr. Elvira Reuberger sagte abschließend: „Wir treten als Ordensgemeinschaft für die direkte Not dieser Menschen ein. Es ist ein urchristliches Anliegen. Wenn wir unsere Stimme nicht erheben, wer soll für sie sprechen?“

[martin gsellmann]