Ordensmann: Verschärfte Lage in Aleppo bewegt viele zur Ausreise

Erinnerungen an die schrecklichen Tage der vergangenen Jahre und Angst vor einer nie mehr möglichen Rückkehr in die Normalität: Das macht derzeit in Aleppo, der einstigen Wirtschaftsmetropole Syriens, die Runde. In den Sommermonaten sei die Situation erneut schlechter geworden, berichtete der Pfarrer der Franziskanerkirche von Aleppo, P. Ibrahim Al-Sabagh in einem Interview vor dem jüngsten brüchigen Waffenstillstand für die Rebellenhochburg Idlib der Nachrichtenagentur "AsiaNews". "Für die christliche Gemeinschaft bedeutet das, dass sich eine neue Welle von Familien, die bisher ausgehalten haben, jetzt doch die Entscheidung fällt, das Land definitiv zu verlassen", so der Ordensmann.

P.Ibrahim AlSabagh Foto Pernsteiner

P. Ibrahim Al-Sabagh OFM kam 2016 nach Österreich und berichtete von der Lage in Aleppo. Foto: Pernsteiner/kathpress

Täglich könne man die Explosionen von Geschossen hören, berichtete Al-Sabagh. Der andauernde Konflikt und die ständige Instabilität lösten bei der Bevölkerung Angst und Schrecken aus und sei eine große Belastung für jene, die bislang durchgehalten haben. "Sie fühlen sich gehindert, wirklich wieder mit dem normalen Leben zu beginnen und an die Zukunft zu denken", erklärte der Franziskanermönch. Dazu kämen die extrem schwierige Wirtschaftslage, ständige Stromausfälle und somit Blockaden für die Wiederaufnahme der gewerblichen oder industriellen Produktion, eine zunehmende Inflation und ein weiteres Absinken der Kaufkraft der Familien.

Verlängerung der Krise

"Die wahren Probleme beginnen, wenn die ständige Verlängerung der Krise einige Situationen 'chronisch' macht", so Al-Sabagh weiter. Die Komplexität der Situation schaffe ständig neue Bedürfnisse, die nicht nur materieller Art seien. Hilfeleistungen von außen seien rückläufig, doch "die wahren Probleme beginnen, wenn die ständige Verlängerung der Krise einige Situationen 'chronisch' macht", mahnte der Priester. Die Fortsetzung der Gewalt in verschiedenen Landesteilen sei Indikator dafür, "dass es auf internationaler Ebene keine Einigung über die Zukunft Syriens gibt", sagte der Mönch. Die Zivilbevölkerung müsse den höchsten Preis dafür zahlen, dass alle Beteiligten offenbar statt dem Dialog die Gewalt der Waffen sprechen lassen wolle.

Neues Trappistinnen-Kloster

Als Hoffnungszeichen deutete der Franziskaner hingegen die Eröffnung einer "Oratorium"-Freizeiteinrichtung für 300 Kinder in der lange umkämpften Stadt, weiters die Zunahme von kirchlichen Eheschließungen und auch der Neugeborenen-Zahl. Nicht in Aleppo, sondern weiter westlich im marontisch geprägten Grenzdorf zum Libanon, Azeir, wurde seit 2012 ein kleines Trappistinnen-Kloster eröffnet. Ihre Gemeinschaft habe sich nach dem Märtyrertod von sieben Trappisten in Algerien dazu entschlossen, in ein islamisch geprägtes Land zu gehen, erklärte die Trappisten-Nonne Marta Fagnani gegenüber "AsiaNews". Sie und ihre Mitschwestern hätten hier auch von Muslimen gute Aufnahme und Hilfen gefunden und den "außerordentlichen Reichtum der Bewohner an Menschlichkeit und Glauben" kennengelernt.

Quelle: kathpress

[mgsellmann]