Das Begehren kultivieren lernen

 Niewi 120„Wer dem lieben Gott ins Fenster geschaut hat, langweilt sich nicht und ist glücklich“, weiß Prof. Jozef Niewiadomski, Dogamatiker und Dekan an der Universität Innsbruck, den kirchlichen Schulverantwortlichen bei ihrer Konferenz in St. Virgil zu versprechen.

Dem gegenüber sieht Niewiadomski in den heutie flotter auftretenden Atheismen folgende Einschätzung: „Das Glück finden, aber ganz sicher ohne Gott. Religion ist ein Störfaktor für Wohlergehen und Glück.“ So hat das Gottvertrauen dem Selbstvertrauen weichen müssen. Das Leben ist damit brüchig geworden. Der Mensch ist oftmals ein „in sich selbst verspannter und auch verkrümmter Mensch“. Selbstbewusst und doch zutiefst bedroht von den eigenen Untiefen. Die Moderne fixiert den Menschen alleine auf sich selbst.

Opfer der Religion des Marktes

„Der moderne Mensch opfert sich selbst auf den Altären des Konsums und mündet im Stolz, im Ehrgeiz, in der Gier und schließlich in der Einsamkeit“, analysiert Niewiadomski sehr scharfsinnig: „Wir tun uns schwer mit den neuen Masken der Moderne. Aus der „Orgie der Befreiung“ der letzten Jahrzehnte folgt nicht Freiheit sondern „Verführung durch neue Götter undGötzen“. Es bleibt die Religion des Marktes. In Anlehnung an die vorkonziliare Haltung – außerhalb der Kirche kein Heil – formulierte der Dogmatiker die Dogmatik der neuen Religion: „Außerhalb des Marktes und der Medien gibt es weder Glück noch Heil.“ Gekommen ist daher nicht das autonome Individuum, sondern das Konsum-Individuum. Schon Säuglinge werden zur „Produktliebe“ geführt. Niewiadomski erinnert an die Entscheidungssituation, die auch Jesus in der Bibel sieht: „Der Mensch glaubt entweder an Gott oder an Götzen. Nichts dazwischen.“ Die mimetische Kultur der Werbung ist als Sozialisierungsfaktor die oberste Instanz geworden. Der Sündenbockmechanismus wird heute wieder voll ausgespielt. Daher: „Es braucht ein Umkehr.“

 Jozef Niewiadomski

Wellenbrecher und Beziehungsstifter

„Das heißt christliche Religion leben und tun“, bringt es Niewiadomski auf den Punkt: „Der christliche Gott ist nicht selbstbezogen und er strampelt auch nicht hinauf, sondern steigt hinunter zum Menschen.“ Weder Gewalt noch Tricks können eine geballte Faust öffnen, sondern nur das Tragen, das Halten, das Ertragen, die Toleranz. Das Tragen des modernen und „modernden Menschen“ ist die Herausforderung der Pädagogik. Das braucht Gemeinschaften, die anders leben und bereit sind, in das Fenster Gottes zu schauen. In diesen Gemeinschaften sieht Niewiadomski vor allem den Vorrang des Sakramentes vor der Ethik und Moral. Das beinhaltet auch die sakramentale Wandlung des Scheiterns. Weiters sieht er den Mehrwert des Glaubens im Alltag. Dazu kommt die weltweite Gemeinschaft der Glaubenden. Niewiadomski: „Der eigentliche Wert der christlichen Religion liegt in der Beziehungsfähigkeit, vor allem im Alltag, im Kultivieren des Begehrens und in der alternativen Praxis zur gängen Religion des Marktes. Christen sind gefordert, eine Wellenbrecherkultur zu fördern und zu leben. Ordensschulen sind ein guter Boden dafür.“

[fk]