Sensationsfund im Stift Melk: Erotisches Gedicht aus dem Jahr 1300 entdeckt

Es ist nur ein schmaler, unscheinbar wirkender Pergamentstreifen mit wenigen Buchstaben pro Zeile. Doch darin fanden Forscher in der Stiftsbibliothek Melk die bisher älteste Niederschrift des "Rosendorns", in dem eine Jungfrau mit ihrem Geschlechtsteil in Streit gerät. Für Mittelalterexperten ist das Schriftstück mit der pikanten Geschichte, das als Teil eines Einbandes diente, ein aufsehenerregender Fund.

20190726 Fund Stift Melk

Foto: Stift Melk

Eine Jungfrau ("junkfrouwe") im Zwiegespräch mit ihrer Vagina ("fud"). Die Jungfrau streitet mit ihrer Vagina darüber, welche der beiden von Männern bevorzugt wird. Das mittelalterliche Gedicht kannte man bisher nur aus zwei deutlich jüngeren Abschriften, dem "Codex Dresden" und dem "Karlsruher Codex". Im Stift Melk fanden Forscher nun die älteste Version dieses freizügigen Dialogs und datierten den Text um das Jahr 1300 und bis zu 200 Jahre früher als vermutet.
So bizarr der Text auch erscheint, "im Kern ist die Geschichte auch unheimlich klug. Es wird vorgeführt, dass man die Person sozusagen nicht von ihrem Geschlecht trennen kann", sagte Christine Glaßner vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die das Fragment entdeckt hat.

Schon früh freier Umgang mit Sexualität

Bisher gingen Mittelalterexperten davon aus, dass ein derartiger Umgang mit Sexualität erst zum Ende des Mittelalters, nämlich in der städtischen Kultur des 15. Jahrhunderts aufkam. Der Fund aus dem Stift Melk stellt diese Einordnung auf den Kopf, da diese Zeilen laut den Forschern schon um das Jahr 1300 geschrieben wurden. "Das ist natürlich bedeutend für die Interpretation dieser kleinen Geschichte", so Glaßner. Diese Abschrift mache eben deutlich, "dass man schon viel früher so frei mit Sexualität umgegangen ist". Derartige Texte wurden also bereits vor 1300 gedichtet und möglicherweise szenisch aufgeführt. Allerdings wurden sie offenbar selten aufgeschrieben und haben noch seltener die vielen Jahrhunderte überdauert.
"Dass so ein Text in einer Klosterbibliothek gefunden wurde, ist natürlich interessant", sagte Glaßner. Ob man ihn im Stift Melk als unpassend empfand und das Dokument deshalb zerschnitt, darüber lässt sich laut der Wissenschafterin "wirklich nur sehr mutmaßen". Denkbar sei auch ein deutlich pragmatischerer Ansatz: Nämlich, dass auf den Inhalt des Textes des als Bindematerial verwendeten Pergaments überhaupt nicht geachtet wurde.

[hwinkler]