Overtüre zum JAHR DER ORDEN 2015: viel. mehr. wesentlich. weniger.

 2014 03 18 vmww01Die Kirchenzeitungen Österreichs werden in der Fastenzeit mit Ordensfrauen und –männern dem „mehr oder weniger“ Raum geben. David Boshart vom Duttweiler Institut in der Schweiz hat vor zwei Jahren das Buch „Age of Less“ geschrieben: Die Zeit des Weniger. „Das Regime der Prekarisierung“ heißt ein Impuls beim Symposium Dürnstein: „Zum Weniger gezwungen.“ Die Wissenschaftlerin des Jahres 2014, Umwelthistorikerin Verena Winiwarter, sitzt strickend beim Interview mit der Kleinen Zeitung und meint auf die Frage, wie die Gesellschaft der Zukunft ausschauen wird: „Ganz anders. Das Wachstum wird aufhören. Damit wird sich alles ändern. Wir sitzen im Luxusbankett und nehmen uns Dinge, die uns nicht gehören.“

Einfache Videoclips beantworten vier Fragen

Beim Ordenstag 2013 hat der Künstler Werner Pfeffer einige TeilnehmerInnen mit seinen vier Fragen überrascht und die nachdenklichen Antworten mit einem kleinen Videogerät „eingefangen“: Woher kommen die Sehnsüchte nach dem MEHR heute? Kann ein WENIGER auch Sehnsüchte stillen? Wie kann ich vom Mehr zum Weniger kommen? Wovon hätten Sie gerne wesentlich mehr und wesentlich weniger? Über 30 Ordensleute und Verantwortliche haben ihm Rede und Antwort gestanden. Sr. Consolata aus Eisenstadt meint auf die Frage, woher das Mehr heute kommt: „Weil die Menschen so viel haben, können sie ihre Sehnsucht nicht mit den einfachen Dingen stillen.“ Sr. Judith aus der Kenyongasse in Wien meint in diesem Video: „Weil der Mensch eine unendliche Sehnsucht in sich hat. Wenn einem die übernatürlichen Werte verloren gehen, dann versucht man das mit materiellen Güter zu füllen.“

Wenn es das konzentrierte kostbare Alles ist

Sr. Beatrix Mayrhofer sagt in ihrem Video auf die Frage, ob das Weniger auch Sehnsüchte stillen kann: „Wenn es das konzentrierte kostbare Alles ist, dann stillt es alle Sehnsüchte.“ P. Wisser von den Jesuiten in Wien meint: „Ein Weniger ist oft ein Mehr. Genau das ist ja das Problem, dass die meisten Menschen alles haben können. Ein Mehr von Mehr gibt es nicht – das ist ein Weniger.“ Abt Dessl von Wilhering denkt bei dieser Frage an die Pilger, wo sich „automatisch“ weniger ergibt, wenn man mit dem Rucksack unterwegs ist. Frater Emanuel vom Stift Wilten meint: „Gerade im Weniger liegt das Mehr, weil es frei macht.“ Sr. Anna von den Ursulinen in Graz: „Ich spüre in der Schule Sehnsüchte, die nach einem anderen Mehr fragen. Die Reduzierung birgt eine Qualität, die wir zunehmend wieder spüren.“

Der Blick auf das Wesentliche führt zum Weniger

Sr. Anna von den Franziskanerinnen und im Schutzhaus für Prostituierte tätig kommt über die Regel ihrer Ordensgemeinschaft zum Weniger: „Wir unterscheiden zwischen Wunsch und Notwendigkeit. Das ergibt fast immer weniger.“ Die Novizin Sr. Ingrid von den Salvatorianerinnen sieht im Du das Größere: „Ein Weniger bündelt und konzentriert.“ Schwester Emanuela aus Oberalm bei Salzburg: „Der bewusste Verzicht und der Blick auf das Wesentliche führt zum Weniger.“ Abt Johannes vom Schottenstift: „Durch kluges Urteilen, konsequentes Handeln und durch die Liebe zu dem, was ich eigentlich will, komme ich zum Weniger.“ Der Religionslehrer Alois Ebner von Kalksburg schildert seine Erfahrung aus Indien und zieht die Konsequenz: „Abstriche, auf mich selber konzentrieren, den Konsum verweigern und die Haltung der Zufriedenheit einüben.“ Bruder Lech Siebert von den Kapuzinern in Tirol stellt sich vor, „dass Weniger tiefer ist, das Wesentliche trifft. Statt sich auf viele Sachen zu konzentrieren ist es besser, weniger voll auszukosten.“

Warum das Thema?

Wer die 30 Videoclips in Ruhe angeschaut hat, wird merken, dass Werner Pfeffer „mächtige vier Fragen“ gestellt hat. Sie rühren das Gelübde der Armut und Einfachheit an und sind so für Ordensleute, Verantwortliche und MitarbeiterInnen bei Orden von zentraler Bedeutung. Auf der einfachen Info-Webseite zu diesem Themenschwerpunkt wird als Ausgangslage angegeben: „Was braucht unser Leben wirklich? In der Gesellschaft des andauernden Überflusses ist das eine der entscheidenden Fragen. Von den meisten Dingen brauchen wir weniger. Von anderem haben wir zu wenig, weil nur materiellen Dingen Wert zugesprochen wird. Was also brauchen wir wirklich? Die Ordensgemeinschaften haben in ihren Traditionen Zugänge zu den echten tiefen Bedürfnissen des Menschen.“ Die Suche nach dem rechten Maß ist in der öffentlichen Wahrnehmung eine Stärke der Orden. Das Armutsgelübde ermutigt zur Balance von Mehr und Weniger, zum einfachen Leben.

Begegnungen suchen, um das Thema „anzugehen“

Sollen wir da jetzt große Veranstaltungen planen? „Nein, einfache Begegnungen“, ermutigt Ferdinand Kaineder vom Medienbüro, das jene Begegnungen koordiniert und einfädelt, die in besonderer Weise in den Medien sein sollen: „Es geht um eine auf Medien und Multiplikatoren abzielende Aktion, die das "Wesentliche" und damit das „Weniger“, das „Einfachere“ betont.“ Kaineder hofft, dass das Thema allgemein, individuell und für die Situation passend, aufgegriffen wird: „Im Mittelpunkt stehen immer reale Begegnungen mit Personen des öffentlichen Lebens, der Kunst, Kultur, der Medien, Gesundheit oder der Gesellschaftsgestalter. Bei den Begegnungen steht Bewegung im Mittelpunkt. Raus aus dem Kloster, immer zu zweit, zu Fuß an ungewöhnliche Orte gelangen oder irgendwo zu Gast sein.“ Damit soll im gesellschaftlichen Diskurs angesichts des „materiellen Wachstumsdenkens“ (Die Zeit) eine Auseinandersetzung gefördert werden. Es geht nicht einfach darum, gleich auf alles eine Antwort zu haben, sondern um das Schaffen von Freiraum, „damit sich konkreten Personen über ihre persönlichen Werthaltungen im Verhältnis zu mehr oder weniger austauschen“. Medien sind bei den geplanten und gestalteten Begegnungen immer erwünscht.

Eine passende Overtüre zum Jahr der Orden 2015

„Diese Begegnungen und Gespräche über das Kernthema von uns Ordensleuten werden uns helfen, in das von Papst Franziskus ausgerufene Jahr der Orden 2015 einzuschwingen“, meint P. Erhard Rauch vom Generalsekretariat der Männerorden. Die Generalsekretärin der Frauenorden Sr. M. Cordis Feuerstein ermutigt ebenso dazu, „das Thema offen anzugehen. Es ist auch ein Thema nach innen, weil Einfachheit nicht mit Armseligkeit und Unwürde verwechselt werden darf.“ Anhand dieses Themas kann die „Ursprünglichkeit der Gemeinschaften zum Leuchten gebracht werden“. Beide betonen übereinstimmend: „An diesem Themenschwerpunkt im Mai und Juni können wir üben, die gesellschaftliche Bedeutung der Ordensgemeinschaften zu artikulieren, uns offensiv in die laufende Debatte über eine zukünftige solidarische Gesellschaft einzubringen, in Tat, Wort und Gebet - so wie wir es tun und viele Menschen von uns auch erwarten.“

Laufende Informationen inklusive Links zu den Videos im Web: http://www.ordensgemeinschaften.at/wesentlich

Foto: Katrin Bruder

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