Niemand soll in WC-Anlagen oder U-Bahnstationen schlafen müssen

Pucher 120Der Lazaristenpater Wolfgang Pucher, Gründer der Vinzenzgemeinschaften, fordert im Interview mit der Franziskaner-Zeitschrift "Antonius": Die Gesellschaft sollte toleranter sein gegenüber Obdachlosen und sicherstellen, dass niemand mehr in öffentlichen WC-Anlagen oder U-Bahn-Stationen übernachten muss.

 

"Jede Stadt sollte eine ganzjährig geöffnete Notschlafstelle für Bettler haben", so der Weihnachtswunsch des 74-jährigen Lazaristen-Geistlichen, der u.a. im "VinziDorf" in Graz seit 20 Jahren alkoholkranken ehemals obdachlosen Menschen Quartier gibt. Alle Obdachlosen sollten einen Zugang zu Sozialleistungen erhalten, so Puchers Appell - "auch Nichtösterreicher". Leicht finanzierbar und nur eine Frage des politischen Willen und der öffentlichen Akzeptanz wäre zudem das Vorhaben, allen der "nicht mehr als 1.000" inländischen Obdachlosen Unterkunft zu bieten. Auch eine Deckelung der Mietpreise und der Wohnungskautionen sowie auch der Bau von mehr Sozialwohnungen würde das Problem "ganz sicher" lindern, so Pucher.

Bettelverbot Verstoß gegen Menschenrechte

Unsinnig und ein Gegensatz zu den Menschenrechten sei aus der Sicht des Armenpriesters das in vielen Städten aufrechte Bettelverbot. Betteln sei öffentlicher Ausdruck für "mir geht es schlecht" und nicht einfach das Problem der Bettler selbst, sondern der Bevölkerung, sei es doch "eine individuelle Sache", was als Störung wahrgenommen oder akzeptiert werde. Er selbst halte es für "krankhaft, dass Menschen, die arm sind, in einer Welt der Verschwendung und des Überflusses stören sollen".

Zu schwach für die heutige Gesellschaft

Auch wenn es keinen "typischen Obdachlosen" gebe, könne man dennoch zwischen drei Gruppen unterscheiden, so Pucher. Der "klassische Obdachlose" sei "von seiner Begabung und seinen körperlichen Voraussetzungen her zu schwach für die heutige Gesellschaft". Ursache bei dieser Form seien meist der Verlust von Familie und Arbeitsplatz, oft auch in Kombination mit Alkoholismus. Diese Form der Obdachlosigkeit werde "immer jünger und vor allem bei Frauen versteckter". Die größte Zahl der Obdachlosen kommt allerdings aus Osteuropa. Sie seien teils Arbeitsmigranten, die in Österreich "nicht ansässig werden, sondern nur Geld verdienen wollen" und dabei weder Quartier noch staatlichen Rechtsanspruch auf Unterstützung hätten. Daneben gebe es noch die Armuts- oder Wanderobdachlosen. "Diese Menschen leben in ihren Heimatdörfern in einem solchen Elend, dass ihnen die Armseligkeit einer Notschlafstelle in Österreich angenehmer ist als die Armut zu Hause", so der Ordensgeistliche.

Viel menschlicher und teilender

Für die Betroffenen der beiden letzten Gruppen sei meist die Wirtschaftskrise der Grund, dass sie ihre Heimat verlassen hätten. Pucher: "Wenn man beispielsweise nach Rumänien schaut, wo ein Arbeitsloser nur ein Jahr lang eine staatliche Unterstützung von 80 Euro im Monat erhält - was soll dieser Mensch machen?" Um der konkreten Not gerecht zu werden, brauche es niederschwelligere Angebote, betonte Pucher: Obdachlose sollten beispielsweise auch Alkohol konsumieren dürfen, wie dies bereits im VinziDorf gehandhabt wird. Kontraproduktiv seien weiters "zu strenge Hygienevorschriften" oder zu hohe Erwartungen an Umgangsformen. Ohnehin sei der Umgang der VinziDorf-Bewohner "viel menschlicher und teilender" als sonst in der Gesellschaft üblich, und sogar die "durchschnittliche Gläubigkeit" sei hier höher als in der eigenen Pfarrgemeinde des Lazaristenpaters.

Vinzi

[fk]