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„Als Arzt bin ich dem Leben verpflichtet“

Ein Patient will sterben. Wie geht man als Arzt damit um? Folgender Textauszug des Palliativmediziners der Elisabethinen Graz, Dr. Gerold Muhri, zeigt uns, wie Patient*innen, Angehörige aber auch er selber, stellvertretend für andere Palliativmediziner, diese Anfragen erleben und warum auf einer Palliativstation trotzdem viel mehr gelacht wird.

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Sich dem leidenden Menschen zuzuwenden ist die Aufgabe der Palliativmedizin. (c) OG/Petra Rainer

"In der Palliative Care ist es unsere Aufgabe, dass wir uns dem leidenden Menschen zuwenden. Ohne Tabus, ohne (Ver)Urteilung. Ich sehe es als Privileg und Auszeichnung, wenn mich ein Patient mit seinem Tötungswunsch „belastet“. Das zeichnet eine ehrliche und tragfähige Patienten-Arzt-Beziehung aus. Abgesehen vom geltenden Recht und der Berufsethik habe ich natürlich meine persönliche Haltung gegenüber dem assistierten Suizid bzw. der Tötung auf Verlangen.

"Helfen Sie mir - ich kann nicht mehr"

Aber am Beginn der Patienten-Arzt-Beziehung steht zunächst der zutiefst verzweifelte Mensch. Manchmal bleibt trotz der besten Symptomlinderung der Wunsch aufrecht, jetzt zu sterben. Ich erinnere mich an eine Frau: „Helfen Sie mir – ich kann nicht mehr. Ich will es meiner Familie nicht antun, in die Schweiz fahren zu müssen“. Bei Angehörigen bleiben fast immer Fragen offen. Selbst bei optimaler Begleitung der Angehörigen sind zusätzliche Traumatisierungen durch einen Suizid die Folge.

Zuwendung. Offene und ehrliche Gespräche. Zeit. Vertrauen und Geborgenheit. Auf einer Palliativstation zu sein ist ein Privileg. Für den Patienten. Für seine Angehörigen. Für die Mitarbeiter. Wir arbeiten mit Menschen, bei denen die Zeit für oberflächliche Befindlichkeiten vorbei ist.

Wir dürfen ganz nah an die Essenzen dieses Menschenleben. Es stellen sich viele Fragen. Und es ist schön, wenn wir alles, was diesen Menschen besorgt, besprechen können. Und von den bisher nicht dagewesenen Optionen einer Symptomkontrolle berichten können.

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"Auf einer Palliativstation zu sein ist ein Privileg. Für den Patienten. Für seine Angehörigen. Für die Mitarbeiter." (c) OG/Petra Rainer

Der Patient ist "Chef"

Im Palliativzimmer ist der Patient „Chef“: Er darf gestalten. Er gibt das Tempo vor. Seine Wünsche, seine Vorgaben lassen sich auch für die Zukunft niederschreiben. Die Ablehnung von Therapien ist „in Ordnung“, das Fordern nach nicht indizierten Therapien geht nicht. Schrittweise lichtet sich der unüberschaubare Angstnebel des Patienten. Klarheit, wahre Autonomie und Würde entsteht, denn der Patient hat trotz der Krankheit, trotz des Elends, viel Entscheidungsspielraum.

Wir kennen den Wunsch, beim Sterben nachzuhelfen. Häufig hören wir einen Hilferuf heraus, so nicht mehr leben zu wollen. Was geschieht, wenn dieser Hilferuf falsch formuliert oder falsch verstanden wurde – und nach Umsetzung der Assistierende seinen Fehler erkennt?20210701 Palliativ 2

Würde und Lebensfreude bis zuletzt, das ist das Ziel der Palliativmedizin. (c) OG/Petra Rainer

 "Weil es das Einzige ist, was mir noch hilft"

Wir laufen Gefahr, dass wir ab 2022 in einen Gewissenskonflikt geraten. Zweifelsfrei urteilsfähige Patienten werden Tötungsassistenz einfordern. „Weil es das Einzige ist, was mir jetzt noch hilft“. Oder Angehörige es nicht mehr ertragen, „zuschauen zu müssen“. Die paternalistische Medizin ist Geschichte. Gelegentlich wissen wir als Profis aber doch mehr: Die Kostbarkeit der letzten Stunden und Tage – eine einzigartige Lebenszeit, in der Verzeihung, Heilung, Vollendung geschehen kann. Für den Sterbenden. Und die, die weiterleben.

Wann ist ein Leben nicht mehr lebenswert? Wem steht diese Einschätzung zu? Mir als Arzt definitiv nicht. Darf der Todkranke alles einfordern? Die Autonomie des Patienten endet aber dort, wo meine Autonomie beginnt – auch ein sterbender Mensch ist sich und der Gesellschaft Rechenschaft schuldig.

Eine wegen ihres Tötungswunsches aufgenommene Patientin erzählte uns am vierten stationären Tag: „Ich bin so unheimlich zufrieden. Ich hoffe, ich darf noch möglichst lange mein Leben genießen“. Selbst wenn alle „juristischen“ Rahmenpunkte erfüllt sein werden, eine Patientenentscheidung zum assistierten Suizid als unwiderruflich, endgültig und wahr zu bestimmen, das kann nicht gehen.

Als Arzt bin ich dem Leben verpflichtet

Als Arzt bin ich dem Leben verpflichtet. Ebenso der Würde und der Lebensfreude – auf der Palliativstation wird mit Patienten und Angehörigen so viel gelacht, wie auf kaum einer anderen Station. Weil am Ende Leben ist. Unser Auftrag ist es, dies so gut es geht „leichter“ zu machen. Wenn es gar nicht anders geht, nach Ausschöpfen aller Alternativen, gibt es die palliative Sedierung, intermittierend oder notfalls kontinuierlich. Noch nie hatten wir mehr effiziente Behandlungsoptionen als heute.

Die Auslöschung der Existenz eines Menschen, das kann niemals eine gute Symptomlinderung sein. Ich meine, dass Tötungsaktionen und Beihilfe dazu einem Arzt weder zumutbar noch seiner Heilkunst würdig ist.

Was ist die „rote Linie“ des assistierten Suizids für mich als Palliativmediziner, der oft mit wahrlich schwer Leidenden zu tun hat? Ich darf die Antwort kurzfassen: Meine rote Linie ist der assistierte Suizid per se. Weil ich ihn niemals als unstrittig endgültigen letzten Patientenwillen sehe. Weil die Zeit bis zum natürlichen Tod unheimlich kostbar und einzigartig ist. Weil es Therapien gibt, die Leid tragbarer machen. Und weil durch den natürlichen Tod keine künstlichen Wunden für Überlebende entstehen.

Dr. Gerold Muhri ist Facharzt für Innere Medizin, Spezialisierung in Palliativmedizin sowie Geschäftsführender Oberarzt Palliativmedizin und Hospiz des Krankenhauses der Elisabethinen Graz.

[elisabeth mayr]

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