Können wir noch vertrauen?

Der Glaube an die Kontrollierbarkeit der Welt ist ins Wanken geraten. Umso wichtiger wäre Vertrauen als Anker. Was das bedeutet? Sr. Beatrix Mayrhofer, ehem. Präsidentin der Frauenorden Österreichs und Georg Fraberger, klinischer und Gesundheitspsychologe haben sich unterhalten. Ein Feature der Furche-Redaktion.

 

Bildschirmfoto 2020 12 04 um 15.07.26

 

[Ein Artikel der Furcheredaktion vom 3.12.2020]

Es ist fast zum Verzweifeln. Dreimal muss dieses Gespräch verschoben werden: Zuerst kommt ein anderer Termin dazwischen, dann kommt der Gastro-Lockdown – und schließlich der Terror. Doch am Ende sitzen einander die beiden doch noch gegenüber: die Ordensfrau Beatrix Mayrhofer und der Psychologe Georg Fraberger. Statt auf dem barrierefreien „Badeschiff“, das am Donaukanal vor Anker liegt und ursprünglich als Treffpunkt vorgesehen war, trifft man sich nun im Kloster der „Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau“ im Wiener Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus.

Hier wohnt Sr. Beatrix gemeinsam mit 16 Mitschwestern; gleich nebenan, im Schulzentrum Friesgasse, war sie 18 Jahre lang Direktorin – und zudem bis Ende 2019 Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs. Georg Fraberger betreut normalerweise neben den Klienten in seiner privaten Praxis auch Patientinnen und Patienten auf der orthopädischen Abteilung im Wiener AKH. Doch wegen des Virus ist der fünffache Vater und Bestseller-Autor im Homeoffice. Zum Gespräch kommt er mit seiner persönlichen Assistentin über den barrierefreien Lieferanteneingang. Alles noch einmal gut gegangen.

DIE FURCHE: Die komplizierte Vorgeschichte unseres Gesprächs ist symptomatisch für unsere Zeit: Von heute auf morgen brechen Sicherheiten weg, auf vieles ist nicht mehr Verlass. Tatsächlich folgt derzeit Krise auf Krise: Klima, Corona, Terror. Haben Sie selbst noch darauf vertraut, dass wir uns persönlich treffen können?

Sr. Beatrix Mayrhofer: Doch, ich war ganz sicher. Wenn ich immer darüber nachdenke, warum etwas nicht sein kann, bringt mich das ja nicht weiter. Ich bin zuversichtlich und weiß: Das soll so sein – und dann wird es auch so sein.

Georg Fraberger: Das ist genau der Punkt: Wenn ich mich selbst einschränke, weil mir alles zu viel wird, kann ich ja letztlich überhaupt nicht mehr leben. Deshalb kann und muss ich vertrauen.

Mayrhofer Fraberger c Carolina Frank FR 7877

"Um glücklich zu sein braucht man keine zwei Beine." (c) furche.at

DIE FURCHE: Insbesondere die Pandemie hat viele Menschen erstmals in eine existenzielle Krise gestürzt. Inwiefern erschüttert sie die Vertrauensbasis in besonderer Weise?

Fraberger: Insofern, als wir uns durch die Wissenschaft in einem gottähnlichen Status gewähnt haben, alles unter Kontrolle bringen zu können: Wir konnten überall hinfahren, überall hinfliegen – und die Frage der Sicherheit war mehr oder weniger eine Frage des Geldes. Jetzt zeigt uns dieses Virus, dass wir keineswegs alles kontrollieren können. Außerdem ging es ansonsten oft um die Frage: Welche Menschen können wir kontrollieren? Das Virus wirft nun aber die Frage auf: Wer spielt da mit uns?

Mayrhofer: Die Gesundheit ist für viele natürlich eine besondere Sorge. Auch für unsere Gemeinschaft mit überwiegend älteren Schwestern. Aber letztlich ist die drohende Klimakatastrophe natürlich die größere Krise, auch wenn wir auf sie jetzt völlig vergessen. Es gab zuletzt gewaltige Stürme auf den Philippinen, bei denen viele Menschen alles verloren haben – aber das kommt in unseren Nachrichten kaum vor.

Fraberger: Der psychologische Verdrängungsmechanismus funktioniert eben. Bevor uns alles zu viel wird, denken wir lieber nicht daran.

DIE FURCHE: Vertrauen ist der Klebstoff der Gesellschaft, heißt es. Und dieser Klebstoff funktioniert besonders über körperliche Nähe: Bei Berührung – etwa beim Stillen – wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Im Umkehrschluss heißt das, dass das Virus mit seinem Zwang zum Abstand Vertrauen doppelt untergräbt. Wie erleben Sie selbst den Konnex von Vertrauen und Nähe?

Fraberger: Ich selbst muss vertrauen, weil Behinderung braucht besondere Nähe: Wenn mich jemand anziehen muss, dann muss ich diese Nähe zulassen. Und dafür muss ich derzeit vertrauen, dass mich der andere nicht ansteckt. In der Arbeit mit meinen Klientinnen und Klienten ist das aber schon bitter. Viel geht über Video, aber es geht nur halb so gut. Und wenn jemand dasitzt und in seine Maske hinein weint, dann ist das eine Schande. Zugleich führt das Virus durch das gemeinsame Leiden auch wieder zu einer neuen Form von Nähe. Die gemeinsame Geschichte schweißt zusammen.

Mayrhofer: Ich vermisse sehr den Handschlag – und die Möglichkeit, anderen Menschen nahe zu sein. Während des ersten Lockdowns und auch jetzt frage ich mich manchmal: Ist nicht der Schaden durch das Abstandhalten möglicherweise noch größer als die Krankheit selbst? Wobei ich die überhaupt nicht verharmlosen will. Dennoch gibt es Momente, in denen man auch jetzt einen Menschen umarmen muss. Letztens hat etwa eine alte Frau an unserer Kloster-Glocke geläutet, sie war völlig verwirrt, aber sie hat mich erkannt und gerufen: Schwester Beatrix! In so einer Situation nützt es nichts, wenn man einem Menschen sagt: Abstand! Da muss man ihn festhalten.

DIE FURCHE: Herr Fraberger, Sie arbeiten am AKH mit Menschen, die u.a. nach dem Verlust von Gliedmaßen in existenziellen Krisen sind. Inwiefern spielt bei Ihrer Arbeit Vertrauen eine Rolle?

Fraberger: Die Klienten müssen mir vertrauen, wenn ich zu ihnen sage: „Wissen Sie, um glücklich zu sein, braucht man keine zwei Beine, ja nicht einmal ein Bein und wahrscheinlich auch keine Hand.“ Natürlich fragen sich viele in einer solchen Situation: Woraus besteht der Mensch? Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch eine Seele hat und eine Seele ist, dann kann man auch antworten: Gut, die Seele verliert nichts, wenn man ein Bein verliert, nur der Körper verliert etwas. Man mag es selber anders fühlen, aber wenn man uns beide anschaut, stimmt es schon: Wenn ich ein Bein mehr hätte, ich wäre für Sie derselbe. Und wenn Sie eines weniger hätten, wären Sie für mich auch dieselbe. Darauf kann man vertrauen.

DIE FURCHE: Um vertrauen zu können, braucht es den Anker Urvertrauen. Aber wie entsteht er?

Fraberger: Ich könnte das anhand meiner eigenen Geschichte beschreiben. Das, worauf es ankommt, ist, ob man als hungriges Baby gesehen und dieses Bedürfnis gestillt wird. Und ich habe anscheinend großes Glück gehabt, dass mich meine Eltern so angenommen haben, wie ich bin. Dabei hat man meine Mutter unmittelbar nach meiner Geburt drei Tage lang mit Valium sediert – und mein Vater wurde gefragt, ob man ihr nicht besser sagen solle, ich sei gestorben. Wir glauben ja heute, man kann sich aussuchen, ob man ein behindertes Kind bekommen will oder nicht. Ich habe mittlerweile fünf Kinder, und bei jedem haben wir überlegt: Was machen wir, wenn es behindert ist? Auch die Ärzte haben meiner Frau geraten, eine Fruchtwasseruntersuchung zu machen. Aber sie hat sich gewehrt und gesagt: Schlimmstenfalls haben wir noch einen Rollstuhl zu Hause. Der Arzt hat nach einer Stunde Bearbeitung gesagt: Sie sind die erste Frau, die Nein sagt!

DIE FURCHE: Das erfordert viel Stärke – neben Vertrauen darauf, dass man Unterstützung erhält.

Fraberger: Natürlich. Auch meine eigene Mutter hat von meinem Großvater gelernt, sich selbst zu vertrauen – und darauf, dass man mit Zutrauen die Welt verändern kann: Wenn meine Mutter gesagt hat „Der kann das“, dann habe ich mich so lange bemüht, bis ich es tatsächlich konnte.

Mayrhofer: Leider stimmt das umgekehrt auch: Wenn man jemandem etwas von vornherein nicht zutraut, dann kann er oder sie das auch nicht, dann zieht man diesem Kind den Boden unter den Füßen weg. Außer es ist ein enormer Kämpfer. Umso mehr wünsche ich mir von unserem Schulsystem, dass wir wegkommen von dieser Fehlerfixiertheit und uns eher wie im US-Schulsystem fragen: Was kannst du? Und was ist gut bei dem, was du gemacht hast?

 

Bildschirmfoto 2020 12 04 um 15.06.24

Sr. Beatrix Mayrhofer wünscht sich ein Schulsystem, das einen Vertrauensvorschuss gibt. (c) furche.at

 

DIE FURCHE: Wie oft haben Sie als Lehrerin bzw. Direktorin eigentlich erlebt, dass bei Kindern zu Hause dieser vertrauensvolle Rahmen vollkommen gefehlt hat?

Mayrhofer: Das erlebt man als Pädagogin durchaus. Ich habe etwa ein hochfiebriges Kind in Erinnerung, bei dem wir uns bemüht haben, jemanden zu erreichen, der es abholen könnte. Bis wir draufgekommen sind: Der Vater ist zwar zu Hause, aber sie will nicht dorthin, weil sie Angst hat, dass sie wieder missbraucht wird. Das sind Extremsituationen, aber sie kommen vor.

DIE FURCHE: Oft ist von Selbstvertrauen die Rede, aber eigentlich das Selbstwertgefühl gemeint. Worin unterscheiden sich diese Begriffe?

Fraberger: Beim Selbstvertrauen geht es darum, dass ich mich kennenlerne und weiß, was ich kann und was nicht. Und wenn ich etwas nicht kann, dann kann ich etwa auch bestimmte Berufe nicht ergreifen: Eine Frau in meiner Praxis konnte etwa keine Stewardess werden, weil sie zu klein war. Beim Selbstwert geht es hingegen darum, sich zu sagen: Egal, was ich kann – ich habe immer denselben Wert. Doch das wird oft nicht vermittelt, immer wird verglichen. Wenn bei uns am AKH jemand ein Bein verliert, sagen wir hingegen: Gratuliere zum neuen Leben! Als Psychologe wie auch als Lehrkraft hat man die Macht, jemanden gesund oder krank zu machen.

Mayrhofer: Die Gefahr, die wir aus vielen Klassen, aber auch Firmen und Büros kennen, ist, dass Menschen andere erniedrigen müssen, um damit ihren eigenen Selbstwert zu erhöhen. Mobbing ist ein riesiges Thema. Hier braucht es ein ehrliches Arbeiten an mir selber und an den Kindern, die mir anvertraut sind: Woraus beziehe ich meine Stärke? Aus mir selbst oder aus dem Niederdrücken anderer?

DIE FURCHE: Niederdrücken kann man Kinder auch, indem man ihnen so wenig zutraut, dass ihnen keine Luft zum Atmen bleibt. Warum Loslassen wichtig ist, hat Angela McAllister im Buch „Vertrau mir, Mama!“ verdeutlicht. Der kleine Ollie geht darin erstmals allein einkaufen und bekommt von seiner Mutter tausend Ratschläge. Geh auf direktem Weg ins Geschäft! Kürz nicht über den Garten des Nachbarn ab! Nimm die Hände aus den Hosentaschen! Doch unterwegs trifft Ollie Monster, Hexen und Außerirdische, vor denen ihn seine Mutter nicht gewarnt hat – und geht natürlich durch Nachbars Garten. Aber die Hände hat er nicht in die Hosentaschen gesteckt. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann“, sagt darauf die Mutter.

Fraberger: Eine großartige Geschichte. Und sie macht auch den großen Nachteil des Handys deutlich, nämlich dass Kinder immer mit irgendjemandem in einer unsichtbaren Verbindung stehen. Man muss wirklich lernen, sich selbst zu vertrauen und zu sagen: Ich kann Probleme selbst bewältigen.

Mayrhofer: Ob das gelingt, hängt wie gesagt auch davon ab, wie angstfrei Eltern selber sein können. Ich bin aber eine große Anhängerin des zuversichtlichen Denkens: Jeder und jede muss zwar durch unwahrscheinlich viele Dinge durch, aber letztlich wird es gut werden. Das ist mein ganz tiefer Glaube.

DIE FURCHE: Im Vorjahr wurde bei Ihnen Brustkrebs diagnostiziert. Hat das etwas an dieser Haltung, diesem Vertrauen ins Leben verändert?

Mayrhofer: Ganz ehrlich, das ist ein Geschenk gewesen! Durch die Diagnose konnte ich meinen Terminkalender zumachen und sagen: Stopp, ich bin jetzt krank. Natürlich war die Chemotherapie ekelhaft. Aber ich hatte zugleich Zeit, nachzudenken. Und bei allem Elend, als die Chemo in mich hineingelaufen ist, so ist mir auch bewusst geworden: Da sitzen jetzt Leute für mich unten in der Giftküche und mischen mir das zusammen, was mir über die Krankheit hilft. Heute kann ich sagen: Ich habe den Krebs besiegt, ich nehme die Medikamente und habe meine Kontrolltermine. Aber es ist ein Stück Leben, für das ich letztlich dankbar bin.

Fraberger: Das so sehen und so vertrauen zu können, ist beeindruckend. Die große Frage für mich ist allerdings, wie eine solche Perspektivenänderung, dieser Blick auf das Wesentliche ohne Leiderfahrung möglich ist.

DIE FURCHE: Eine nicht minder große Frage ist, wie viel Vertrauen noch den (christlichen) Kirchen entgegengebracht wird. Im Rahmen von Detailuntersuchungen des Forschungsverbundes „Interdisziplinäre Werteforschung“ der Uni Wien zur Europäischen Wertestudie hat sich gezeigt, dass nahezu alle Institutionen in den letzten 30 Jahren ihre Vertrauenswerte steigern konnten – nur großen Wirtschaftsunternehmen und der katholischen Kirche ist das nicht gelungen. Was muss sich ändern, um Vertrauen wiederherzustellen?

Mayrhofer: Die Kirche befindet sich insgesamt in einer schwierigen Phase. Und die Missbrauchsfälle haben das Vertrauen zusätzlich erschüttert. Doch während der Coronakrise ist wieder eine Zunahme des Vertrauens festzustellen. Ich selbst leide natürlich mit meiner Kirche. Aber ich vertraue zugleich darauf, dass immer wieder Neues entsteht.

 

Quelle: Die Furche, 3.12.2020

Den Originalartikel finden sie HIER.

Sie können Die Furche auch als Testabo gratis abonnieren. Alle Infos finden Sie HIER.

[magdalena schauer-burkart]