Reinhard Körner: Himmelreich leben

Leitthema des kleinen Büchleins sind die drei „evangelischen Räte“, Ratschläge aus dem Evangelium, Jungfräulichkeit, Gehorsam und Armut, auf die Ordensleute ihre Ordensprofess, ihre Gelübde ablegen.


himmelreich leben kleinLeitthema des kleinen Büchleins sind die drei „evangelischen Räte“, Ratschläge aus dem Evangelium, Jungfräulichkeit, Gehorsam und Armut, auf die Ordensleute ihre Ordensprofess, ihre Gelübde ablegen. Um  seine  Aussageabsicht von Anfang an entsprechend in den Blick zu bekommen empfiehlt es sich, die Lektüre mit dem letzten Kapitel zu beginnen. Dann  ist von vornherein deutlich, worum es geht, nämlich um ein „Leben aus dem Geist der evangelischen Räte“ wider die Resignation im Hinblick auf Kirche, auf Religion, um das Wahrnehmen der Chance, die Papst Franziskus für die Kirche, nicht nur für die katholische,  bedeuten kann. Die Überschrift des Kapitels nimmt Bezug auf das Buch „Zeit der Orden?“  des 2019 verstorbenen  bekannten Theologen Johann Baptist Metz, erschienen bald nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Körners Formulierung: „Zeit der evangelischen Räte !“ öffnet die Sicht über die Ordenschristen hinaus auf alle, die um eine lebendige Gestalt von Kirche, von christlicher Gemeinschaft ringen, unabhängig von ihren persönlichen Lebensformen. Es braucht heute im Sinn von Papst Franziskus,  davon ist Körner überzeugt,  prophetische Stimmen  inmitten der Kirche, die zur Sprache bringen, „was der Geist den Gemeinden sagt“ (Offb. 2,7), in unsere Gegenwart hinein und auf Zukunft hin. Deshalb setzt Körner hinter seine programmatische Überschrift nicht mehr ( wie J.B. Metz) ein Fragezeichen, sondern ein Rufzeichen. Rückgeführt auf ihre ursprüngliche  Bedeutung in der Bibel, hinter die immer wieder wechselnden Ausdrucksformen in der kirchlichen Tradition handelt  es sich  bei den evangelischen Räten „um Lebenseinstellungen und Grundhaltungen aus dem Geist des Evangeliums, die …zum christlichen Leben überhaupt gehören.“ (S 16) Sie werden in unterschiedlichen Lebensformen auf vielfältige Weise konkretisiert. Mit der ihm eigenen Sorgfalt geht Reinhard Körner der Wortbedeutung  von

Jungfräulichkeit“ und dem  Grundwort Jungfrau/jungfräulicher Mensch im Griechischen und  im Hebräischen nach unter Berücksichtigung ihrer Verwendung im jeweiligen kulturellen Umfeld, speziell in der Bildsprache der alttestamentlichen Propheten. Im biblischen Sinn verstanden, ist Jungfräulichkeit  die Haltung Gott gegenüber, der sich als Gott der bedingungslosen, vorleistungsfreien Liebe in Jesus von Nazareth geoffenbart hat. Jungfräuliches Leben ist demnach, unabhängig von der je persönlichen Lebensform, „ein  liebevolles, Du-offenes   und Du-orientiertes Beziehungsleben. Es ist die Grundhaltung, die Jesus selbst gelebt hat.“ (S 34 f) Zusammenfassend stellt Körner fest: Jungfräuliche Menschen sind Frauen und Männer, die in Jesus und seinem Gott der großen Liebe ihres Lebens begegnet sind und versuchen, diese in ihrer je persönlichen Lebensform  zur Geltung zu bringen.

 Gehorsam im Geist des Evangeliums hat nichts zu tun mit Befehlsbefolgung und Fremdbestimmung. Bereits das griechische Vokabel, abgeleitet vom Wortstamm akuo  (enthalten in dem uns geläufigen Fremdwort Akustik) macht deutlich, dass es in der Haltung des Gehorsams um das Hören geht, um das aufmerksame Hinhören auf das Wort, das an uns gerichtet wird und in der Folge um eine Ant – Wort, im weiteren um die Umsetzung dieser Antwort ins konkrete Tun.

Das Hebräische des Alten (ersten) Testaments kennt kein eigenes Wort für Gehorsam, aber das  Wort für Hören (das erste Wort des jüdischen Glaubensbekenntnisses „sch’ma Israel“)  ist ein Grundwort der Beziehung  zwischen Gott und seinem Volk Israel, die sich in einem fortwährenden Dialog vollzieht. In diesem Dialog wird Gott nicht nur als der Sprechende erlebt, sondern auch als jener, der auf uns hört. Demnach kann ein Leben im Gehorsam  verstanden werden als ein Leben im freundschaftlichen Gespräch mit Gott.

In diesem Zusammenhang korrigiert Körner auch das weit verbreitete Missverständnis dessen, „worauf es zu hören und was es umzusetzen gilt,  programmatisch ausgedrückt im Vaterunser –Vers: Dein Wille geschehe.“ Dieser Wille Gottes, des Vaters,  reicht viel weiter und viel tiefer als die  unausweichlichen Ereignisse und Verhängnisse, die sich  oftmals unserem eigenen Wollen entgegenstellen. Deren  Ursachen haben wir in den unheilvollen Schuldverstrickungen all überall unter Menschen und Völkern zu suchen. Sie haben nichts zu tun mit dem, was Gott in seiner barmherzigen Liebe mit uns und unserer/ seiner Welt letztlich im Sinn hat. Diesem verborgenen , in Jesus , in dem von ihm verkündeten Himmelreich offenbar, erahnbar  gewordenen Willen auf die Spur zu kommen, darum geht es im persönlichen und gemeinschaftlichen Hören auf Gottes „Stimme“ in unseren Begegnungen und Erfahrungen als Basis für das Mitreden  im  Dialog mit ihm  und untereinander. In diesem Sinn ist ge-horchendes Leben „zugleich Ausdruck der Jungfräulichkeit, das heißt der freundschaftlichen Antwort auf Gottes Freundschaft zu uns. (S 49)

Das Kapitel über den evangelischen Rat der Armut beginnt nicht mit einer Suche nach der Wortbedeutung.  Vielmehr  erhebt sich die Frage, wie, in welchem Sinn Armut als Lebensgrundhaltung angeraten werden kann. Auch und gerade für Christen ist Armut kein Wert in sich, sondern ein Zustand, der um der Würde eines jeden Menschen willen zu bekämpfen ist. Und zwar nicht nur an der Oberfläche, sondern von den Wurzeln her. Christen können dem Evangelium entsprechend nirgends anders stehen als an der Seite der Armen. Zur Zeit und im Land Jesu war der Großteil der Bevölkerung arm, hatte um das Überleben zu kämpfen. Vor allem an sie richtet Jesus seine Botschaft.

Nicht die Armut an sich ist anzustreben. Es geht darum, an der Seite der Armen als Armer vor Gott zu stehen, bereit, sich beschenken zu lassen, offen für das, was Jesus Himmelreich nennt, die Gewissheit, als Mensch „von Gott, dem

Abba –Jahwe Jesu absolut geliebt zu sein vor jeder Leistung und trotz aller Schuld; und zugleich auch: Dass Gott in den Menschen  alles hineingelegt  hat, was ihn dazu befähigt, ein liebender Mensch zu sein und das menschliche Miteinander im Geist der Liebe menschenwürdig zu gestalten.“ (S 58)  Dieses Himmelreich ist jetzt, nicht erst irgendwann, in ferner Zukunft. Auf diese Weise ist es der Arme, der „Himmel – reich“ ist. Wer reich ist an Letztem, an „Himmel“, hat es nicht nötig, Vorletztes, materiellen Reichtum, soziales Ansehen an die erste Stelle zu setzen. Er ist frei, die Nachfolge Jesu zu wagen, der Mensch unter Menschen, arm mit den Armen sein wollte, um  uns den Reichtum Gottes, das Leben in Fülle zu bringen. Dieser Reichtum der Nachfolge, der freundschaftlichen „jungfräulichen“ Verbundenheit mit Gott   macht alles andere belanglos, überflüssig.

Zurück  zu dem Richtung weisend an den Anfang gestellten letzten Kapitel des Büchleins: „Zeit der evangelischen Räte!“  Auf Frauen und Männer , die aus dem Geist dieser Räte leben, setzt Reinhard Körner das Vertrauen,  dass sie den Prozess des Aufbruchs vom Zweiten Vatikanischen Konzil her, neu entfacht durch Papst Franziskus, weitertragen und kreativ gestalten. Es braucht die prophetischen Stimme von Menschen, die nach dem Lebensbeispiel Jesu in der Freundschaft mit Gott leben und mit „seinen Menschen“ (und das sind ohne Ausnahme alle, die uns begegnen), die auf ihn und aufeinander hören, für die alles, was heute als Reichtum gilt, bedeutungslos geworden ist, weil sie „Himmel – reich“ geworden sind.

Reinhard Körner

Die handlichen Bändchen von Reinhard Körner (geb. 1951 in der damaligen DDR, Mitglied der Ordensgemeinschaft des Teresianischen Karmel) verdanken ihre Entstehung seinen Erfahrungen  als Leiter von Bibelseminaren und Exerzitien - Kursen im ordenseigenen Bildungshaus Birkenwerder in der Nähe von Berlin. Deren Teilnehmer  sind  sowohl  katholische und evangelische Christen, als auch Angehörige anderer Religionsgemeinschaften und Religionslose. Sein großes Anliegen ist es,  Begriffe aus der christlichen Spiritualität in eine verstehbare, dem heutigen Denken und Empfinden gemäße Sprache zu übersetzen. Dies, so die Überzeugung von Reinhard Körner, „gelingt nur,   wenn man sich fragt, was mit einem Begriff ursprünglich, von der Bibel her, gemeint ist, und das ist dann tatsächlich oft wie eine >Entdeckung< - Welten tun sich auf.“

Seckau, 17. Juni 2020, Dr. Elisabeth Sobota (Sr. Pia  FvB)