Bericht von der Amazoniensynode

P. Franz Helm, ehemaliger Generalsekretär der Superiorenkonferenz der Männerorden und Steyler Missionar, ist im Auftrag der Koordinierungsstelle der Ö. Bischofskonferenz für internationale Entwicklung und Mission derzeit als Beobachter der Amazoniensynode in Rom. Er berichtet im Interview über seine persönliche Wahrnehmung der Synode, die brennenden Fragen, beleuchtet was man sich tatsächlicher erhoffen darf und bewertet die Synode als Medienereigniss und erläutert ihren weiteren Verlauf.

 

 

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 Die Inkulturation des Glaubens in die Kulturen der Völker Amazoniens ist bisher zu wenig erfolgt (c) Franz Helm

 Wie nehmen Sie die Amazoniensynode wahr?

Ich bin jetzt seit 5 Tagen in Rom. Die „ewige Stadt“ erscheint mir wie immer, mit vielen Touristen und Pilgern und geschäftigem Leben auf den Straßen. Um den Vatikan herum gibt es massive Sicherheitskontrollen, aber auch das war schon vor der Synode so. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Synode gehen zweimal am Tag in die Synodenaula und dann wieder heim. Da sind kurze Begegnungen und ein Nachfragen möglich, wie es läuft. Immer wieder sind Vertreterinnen und Vertreter indigener Völker oder von pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Amazonasgebiet oder von kirchlichen Hilfswerken dabei anwesend, die den Kontakt zu „ihren Leuten“ in der Synode pflegen. Es gibt viele Veranstaltungen, die um die Synode herum von kirchlichen Solidaritäts- und Umweltorganisationen organisiert werden, und einige Ausstellungen, die die Realität Amazoniens vermitteln. Besonders eindrücklich ist eine Ausstellung in der Kirche „Santa Maria in Traspontina“, in der Via della Conziliatione, unweit des Petersdoms, wo indigene Spiritualität, das Leben von Märtyrerinnen und Märtyrern oder die Auswirkungen des rücksichtslosen Raubbaus im Amazonasgebiet präsentiert werden. In dieser Kirche finden auch Gebete und Gesprächsrunden statt, die von einem Zusammenschluss verschiedener Organisationen gestaltet werden.

In der Synodenaula scheint es eine sehr herzliche und offene Atmosphäre zu geben, und viel Betroffenheit v.a. aufgrund der Berichte der Indigenen. Immer wieder wird betont, dass Papst Franziskus dazu ermutigt, ganz direkt und ehrlich zu sprechen und vorbehaltslos nach wirklich neuen Wegen zu suchen. Natürlich gibt es verschiedene Ansichten und ein Ringen um diese „neuen Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“.

 Was sind die brennenden Fragen?

Entscheidend ist sicher die Frage nach Auswegen aus der derzeitigen Situation der massiven Zerstörung des Bioms Amazonien. Vielen ist bewusst, dass es ganz dringend Lösungen braucht, es bleibt nicht viel Zeit. Das ist ja das Schwierige an der Klimakrise: System- und Lebensstiländerungen gehen nur allmählich und brauchen Zeit, aber viel Zeit haben wir nicht mehr. So steht Amazonien für das Ganze der Welt, des „gemeinsamen Hauses“, das bewahrt werden muss. Damit zusammen hängt die Situation der indigenen Völker, für die es um das nackte Überleben geht. Einer extraktivistischen Wirtschaft, die Holz, Ackerland, Bodenschätze und Energie ohne Rücksicht auf die lokale Bevölkerung und die Natur ausbeutet, muss Einhalt geboten werden. Und es geht um das Leben und Überleben von katholischen Gemeinden, die in immensen Weiten zerstreut sind, und nur ab und zu Besuche von Priestern oder pastoralen Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern bekommen. Es gibt keine geweihten Amtsträger vor Ort, die Sakramente wie die Eucharistie, die Buße oder die Krankensalbung mit der Gemeinde feiern könnten. Zur Dimension des Wortes Gottes muss die Dimension der Sakramente dazukommen, um im Vollsinn „Katholische Kirche“ zu sein.

Schließlich geht es auch um die Inkulturation des Glaubens in die Kulturen der Völker Amazoniens. Diese ist bisher ungenügend erfolgt. 

Projiziert Europa seinen Horizont auf Lateinamerika – oder strahlt Amerika nach Europa?

Ich denke, beides ist der Fall. Seit Jahrzehnten wird erwartet oder ersehnt, dass europäische Kirchenträume und für hier erhoffte Veränderungen anderswo auf der Welt stattfinden und dann gewissermaßen hierher „übertragen“ werden können. Und manches an „Ausstrahlung“ aus Lateinamerika hat es ja auch gegeben, wenn ich an die Basisgemeinden, die Befreiungstheologie und eine kontextuelle Bibellektüre denke. Das waren wichtige Impulse, und sie sind es noch. Im Blick auf Amazonien gibt es die Erwartung, dass die ganzheitliche Spiritualität indigener Völker und ihre Naturverbundenheit uns helfen könnte, aus der Sackgasse unserer individualistischen technisierten Lebensweise und Weltsicht zu kommen, die den Planeten Erde massiv schädigt. Und natürlich gibt es auch die Hoffnung, dass eine Änderung der Zulassungsbedingungen für Weiheämter in der Amazonasregion den Weg bahnen könnte für die nötigen Veränderungen auch bei uns. 

Wichtig bei all dem scheint mir, dass die Katholische Kirche endlich die „heilsame Dezentralisierung“ angeht, von der Papst Franziskus schon vor 6 Jahren in seinem Rundschreiben „Evangelii Gaudium“ gesprochen hat. Wir brauchen Antworten auf die vielfältigen und oft je nach Kontinent oder Land sehr verschiedenen Herausforderungen, damit das Evangelium für die Menschen fruchtbar wird und ihr Leben prägen und zum Positiven verändern kann.


Was darf man sich tatsächlich erhoffen?

Erhoffen darf man sich, dass den Völkern und der bedrohten Schöpfung im Amazonasgebiet Gehör verschafft wird, dass die Dringlichkeit des Schutzes für dieses für das Weltklima so wichtige Biom begriffen wird und dass die Katholische Kirche mutige Schritte setzt, damit die Ortskirchen Amazoniens in diesem so schwierigen Kontext ihre Sendung erfüllen und sich im Sinn des Evangeliums einsetzen können. Dazu gehört eine Pastoral der Präsenz vor Ort, durch anerkannte Dienstämter in den Gemeinden, die diesen ein Kirche-Sein im Vollsinn genauso ermöglichen, sowie ein mutiger Einsatz für die Menschenrechte und die Bewahrung der Schöpfung. 

Darüber hinaus darf man sich erhoffen, dass die jahrtausendealte Leistung der indigenen Völker als Hüter und Schützer der Regenwälder anerkannt wird und dass sie die nötige Unterstützung dafür bekommen, weiter diesen wichtigen Dienst an der Menschheit und am „gemeinsamen Haus“ Planet Erde zu tun.

Noch nie war eine Synode ein derartig medial gepushtes Ereignis weltweit – hat das Einfluss?

Es ist schon spürbar, dass die Augen der Welt auf diese Synode gerichtet sind, und das bedeutet einen großen Druck und eine große Verantwortung. Aber der Druck und die Verantwortung sind aufgrund der Dringlichkeit der Fragestellungen ohnehin da.

Schlimm ist, dass gewisse traditionalistische oder rechtskatholische Kreise gezielt die Glaubwürdigkeit der Synode oder einiger Teilnehmerinnen oder Teilnehmer untergraben wollen. Da wird, ähnlich wie gegenüber dem „synodalen Weg“ in Deutschland, in den Medien verbreitet, es gehe nicht um Evangelisierung, sondern nur um ökologische und wirtschaftliche Fragen, oder um kirchliche Strukturfragen. Diese Kreise haben nicht begriffen, dass Evangelisierung etwas Ganzheitliches ist, das auf das ganze Leben und alle Kreaturen abzielt, und daher ist nichts davon ausgenommen. Vor allem aber geht es darum, „dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10) – und genau dieser Kernfrage eines „guten Lebens für alle“ widmet sich in vielfältiger Weise diese Synode. Schließlich sind kirchliche Strukturfragen nicht von der Evangelisierung zu trennen, weil es für das Handeln die nötigen Mittel und Voraussetzungen braucht, und weil z.B. die systematische Benachteiligung von Frauen oder die einseitige Verteilung von Macht die Kirche unglaubwürdig macht.

Ein weiterer Angriff richtet sich gegen indigene Kulturen. Pauschal wird den indigenen Völkern des Amazonasgebietes „Infantizid“ vorgeworfen, das gezielte Töten von Kindern. In der Tat gibt es vereinzelt diese Praxis. Aber damit generell die indigenen Kulturen und das Konzept der „Inkulturation“ schlecht zu machen ist ein Skandal. Es macht pauschal die Opfer unseres räuberischen Systems zu Tätern. Und es negiert die grausame Vernichtung ganzer Völker, ihrer Kulturen und Lebensräume.

Schließlich gibt es eine vor allem in sogenannten „sozialen Netzwerken“, u.a. auf YouTube produzierte große Aufregung über eine Holzstatue, die bei der Eröffnungsliturgie im Petersdom und auch in der Ausstellung in der Kirche „Santa Maria in Traspontina“ verwendet wird und eine knieende indigene Frau zeigt, die schwanger ist. Es zirkuliert der Vorwurf, das Heidentum sei in geweihte Kirche eingezogen und entweihe sie, denn die Statue stelle die „Pachamama“, die „Mutter Erde“, also eine heidnische Gottheit dar. Beim offiziellen Presse-Briefing der Synode war das auch unlängst Thema. Paolo Ruffini, der Leiter des vatikanischen Kommunikations-Dikasteriums, reagierte gelassen. Er fragte zurück, woher die Information käme, dass die Statue eine heidnische Gottheit darstelle. Diese Frage konnte nicht klar beantwortet werden. Daraufhin meiner Ruffini, er wisse auch nicht genau, was die Statue für eine Bedeutung habe. Das müsste man an kompetenter Stelle erfragen. Aber für ihn sei sie ein Symbol für das Leben, und Jesus sei es doch zweifellos um das Leben gegangen, und so sehe er kein Problem, wenn diese Statue in einer Kirche sei.


Wie ist der weitere Verlauf der Synode?

Am Freitag sollen die Ergebnisse der Kleingruppenarbeit veröffentlicht werden, und am Montag wird im Plenum ein erster Entwurf für das Abschlussdokument präsentiert. Ich bin schon sehr gespannt darauf. Wichtig ist es, die Synode im Gebet zu begleiten. Vorschläge für Fürbitten und einen auf die Synode hin umformulierten Rosenkranz gibt es übrigens auf der Homepage der Diözese Innsbruck. Hoffen wir, dass der Hl. Geist neue Wege zeigt und die Herzen bewegt und den nötigen Mut gibt, damit sie auch begangen werden!

 

[mschauer]