Loslassen und Neues beginnen

Alles verändert sich – auch Ordensgemeinschaften. Unter dem Titel "Orden im Wandel: Gesprächskonzert in Variationen" machten sich am 26. Juni 2019 im Sommerrefektorium des Salvatorianer-Klosters St. Michael zwei sehr kritische Geister ihre Gedanken darüber: Ferdinand Kaineder vom Medienbüro der Ordensgemeinschaften Österreich und Sr. Joanna Jimin Lee, Missionarin Christi und Pianistin. Veranstalter war das Canisiuswerk Österreich.

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Ferdinand Kaineder, Sr. Joanna Jimin Lee und Elisabeth Grabner: Der Wandel in den Orden, diskutiert in einem Gesprächskonzert in Variationen. (c) rsonnleitner

Es war ein ungewöhnlicher Dialog, der nach einer Begrüßung durch Canisiuswerk-Geschäftsführerin Elisabeth Grabner im Sommerrefektorium des Salvatorianer-Klosters in Wien I stattfand: Während Ferdinand Kaineder seine Gedanken als kritische Fragen formulierte, antwortete ihm Joanna Jimin Lee mit ihrem Instrument. Ihre Sprache war die Musik; eine nicht-gegenständliche Sprache. Aber genau deshalb konnte die Ordensfrau den Dialog ergänzen, Zwischenräume schaffen, sozusagen „zwischen den Zeilen lesen lassen”. Und auch ihren Dialogpartner auf neue Ideen kommen lassen – und umgekehrt.

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Orden im Wandel – das beginnt schon bei der Anrede. So fragt Ferdinand Kaineder, ob Joanna Jimin Lee mit „Schwester“ tituliert werden möchte oder nicht. Ihre Antwort: Im Alltag lege sie keinen Wert darauf; sie sei „Joanna“. Nur bei offiziellen Anlässen verwende sie das Wort „Schwester“. So trügen die Missionarinnen Christ auch keinen Habit – so wie viele andere Ordensgemeinschaften mittlerweile auch wie zum Beispiel die Gastgeber, die Salvatorianer bzw. die Salvatorianerinnen. Aber sie verstünde, wenn andere Ordensleute, Männer und Frauen, Anrede und Habit als Teil ihrer Identität sehen.

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Wandel sei immer mit einer gewissen Unsicherheit und Ungewissheit verbunden.  Das sei auch der Grund, warum die Ordensfrau/Pianistin für ihr Programm unter anderem zwei Stücke ausgewählt habe, die sozusagen aus dem Hause Schumann stammen. Clara Schumann musste durch die Krankheit und den Tod ihres Mannes Robert einigen Veränderungen gegenüberstehen; in einem Tagebucheintrag, den Joanna Jimin Lee vorlas, formulierte sie ausführlich ihre Sorgen. Dennoch musste das Leben weitergehen. „Loslassen befreit“ – und Clara Schumann musste ihr altes Leben loslassen und ein – ihr – neues Leben beginnen. Sie blieb bis an ihr Lebensende fürsorgliche Nachlassverwalterin ihres Mannes, vor allem aber selbst auch gefeierte Komponistin und Klaviervirtuosin.

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„Neues wagen“ – hat das Neue bei den Ordensgemeinschaften überhaupt eine Chance, fragte Ferdinand Kaineder. Neues geschieht tagtäglich, antwortet die Ordensfrau. Und zitiert aus der Bibel: „Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?“ (Jesaja 43, 18-19) Wenn dies für einen alttestamentarischen Propheten gelte, gelte das umso mehr für die Gemeinschaften im Heute.

Der Abend unterteilte sich in fünf thematische Bereiche:
Es war einmal… - Franz Schubert: Impromptu B-Dur, D 935 Nr. 3
… und jetzt?! - Ludwig van Beethoven: 6 Variationen über ein eigenes Thema, Op. 34
Loslassen befreit - Clara Schumann: Variationen über ein Thema von Robert Schumann, Op. 20
Neues wagen - Robert Schumann: Abegg-Variationen, Op.1
Was aber bleibt: HÖREN - Arvo Pärt: Variationen zur Genesung von Arinuschka (1977)

Veranstalter war das Canisiuswerk, dem auch die freiwilligen Spenden zugutekamen.

[Text & Fotos: rsonnleitner]