Causa Wucherpfennig: Kirchen-Problem heißt Homophobie nicht Homosexualität

Der Papst ermutige Theologen ausdrücklich, im Sinne kirchlicher Reformen zu denken- die römische Bildungskongregation agiere jedoch ganz anders. Das Ausbleiben der vatikanischen Zustimmung zum wieder gewählten Rektor der Hochschule St. Georgen, P. Ansgar Wucherpfennig stößt auf Unverständnis bei einer immer größer werdenden Gruppe. Man kritisiert ein Grundproblem kirchlicher Kommunikation. Eine Zusammenschau der Stellungnahmen.

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P. Ansgar Wucherpfenning ist Auslöser der momentanen Debatte um Kommunikation in der Kirche (c) jesuiten.at


Zum Fall
Der Frankfurter Professor für Neues Testament Ansgar Wucherpfennig war im Februar für eine dritte Amtszeit als Rektor der Hochschule Sankt Georgen gewählt worden. Die Bildungskongregation hatte das notwendige Nihil obstat versagt. Grund dafür waren Aussagen Wucherpfennigs in einem Interview das er der Frankfurter Neuen Presse am 14.10.2016 gegeben hat.

Er beantwortete die Frage „Warum hat die Katholische Kirche Homosexuellen gegenüber so eine ablehnende Haltung?“ wie folgt: „Mein Eindruck ist, dass das tiefsitzende, zum Teil missverständlich formulierte Stellen in der Bibel sind. Beispielsweise bei Paulus im Römerbrief. Homosexuelle Beziehungen in der Antike waren starke Abhängigkeits- und Unterwürfigkeitsverhältnisse. Liebe sollte eine egalitäre, freie Beziehung sein, keine mit Gefälle. Das wollte Paulus eigentlich sagen, so meine These.“

Satzungsmäß kann Wucherpfennig aufgrund der fehlenden vatikanischen Bestätigung sein Rektorenamt seit dem 1. Oktober nicht mehr wahrnehmen. Kommissarisch wird die Hochschule seitdem von Prorektor Thomas Meckel geleitet.

Kirche ist keine Disziplinaranstalt die Homosexuelle ausschließen kann
Wucherpfennig selbst sagte gegenüber dem ZDF, er habe sich auf die vergleichsweise liberalen Äußerungen von Papst Franziskus zum Umgang mit Homosexualität verlassen („Wer bin ich, zu urteilen“) "Und ich kann nicht nachvollziehen, warum das jetzt ausgebremst wird, ausgerechnet von engsten Mitarbeitern des Vatikan.", erklärt er sein Unverständnis.

Seit 2015 gehört er zu einem Team, das sich im Bistum Limburg um die Seelsorge für lesbische und schwule Menschen kümmert. Die Begegnungen dort hätten ihn verändert, sagt der Jesuit, "ich bin sehr traditionell katholisch erzogen, da bringt man schon ein paar homophobe Reflexe mit". Dort aber traf er tiefgläubige Menschen, die mit einer Kirche haderten, die ihre Sexualität als "objektiv ungeordnet" definiert. Heute ist er der Meinung, dass man Menschen für die Homosexualität zur Identität gehöre, nicht von der Kirche ausschließen könne:" Wir sind keine Disziplinaranstalt."


Wirkliche Würdigung menschlicher Beziehungen, nicht Sexualmoral
Der Provinzial der Jesuiten, P. Johannes Siebner steht mit Nachdruck hinter P. Ansgar Wucherpfennig: „Es ist ein normaler Vorgang, dass er in einem Interview über das Thema Homosexualität spricht, denn es interessiert die Öffentlichkeit. Die verschwurbelte Rede der Kirche über Homosexualität funktioniert schon lange nicht mehr und ist auch in der Sache obsolet. Und hier war ein Theologe hilfreich, indem er einfach sagte: "Lasst uns doch mal schauen, was Paulus meint", was die neutestamentliche Forschung dazu hergibt. Das eigentlich dahinterliegende Thema ist, dass wir als Kirche endlich lernen müssen, nicht nur "respektvoll" mit homosexuellen Männern und Frauen umzugehen, wie es der Katechismus fordert. Der Katechismus fordert ja auch nicht ausdrücklich einen respektvollen Umgang mit heterosexuellen Menschen. Es geht um eine wirkliche Würdigung menschlicher Beziehungen, nicht zuerst um Sexualmoral. Wir haben in der Kirche kein Problem mit Homosexuellen – wir haben ein Problem mit Homophoben.“

Wucherpfenning als brillanter, integer und loyaler Theologe
Auch der Limburger Bischof, Dr. Georg Bätzing, hat bereits sein Vertrauen gegenüber Wucherpfennig zum Ausdruck gebracht. Er sei ein brillanter Theologe, sei immer integer und loyal gegenüber der Kirche. Bätzing hat keinerlei Bedenken und hofft, dass Rom die Wahl des Ordens und der Bistümer akzeptiere.

Studentenschaft schockiert, fassungslos und äußerst besorgt
Am Samstag meldete sich nun auch geschlossen der Allgemeine Studierendenausschuss der Hochschule St. Georgen mit einer Stellungnahme an die Öffentlichkeit. Die Verzögerung habe an der bis zu diesem Zeitpunkt andauernden Prüfungszeit gelegen. In dem Statement zeigten sich die Studierendenvertreter „schockiert, fassungslos und äußerst besorgt“ über das Verhalten des Vatikan gegenüber Wucherpfennig. "Gerade zu Semesterbeginn herrscht große Verunsicherung, wie es für uns und unseren Rektor weitergeht. Wir finden das Verfahren vollkommen intransparent und inakzeptabel", so der AStA.

Gerade auch vor dem Hintergrund der Jugendsynode, bei der der Vatikan zum Dialog anrege, erscheine das Vorgehen der Kurie im Fall Wucherpfennig "inkonsequent".

Katholisch-Theologischer Fakultätentag sieht typische kirchliche Tabuisierungsstrategien
Am Sonntag äußerte auch der Katholisch-Theologische Fakultätentag sein Unverständnis: "In erster Linie sehen wir darin einen in Form und Inhalt nicht zu rechtfertigenden Angriff auf einen verdienten Theologen, Seelsorger und Ordensmann", so das Gremium, das Wucherpfennig zugleich seine "uneingeschränkte Solidarität" aussprach.

Der 1958 gegründete Fakultätentag ist der Zusammenschluss der 18 Theologischen Fakultäten und Fachbereiche an den staatlichen Universitäten oder in kirchlicher Trägerschaft sowie der 33 Institute für Katholische Theologie zur Ausbildung von Religionslehrern an den staatlichen Hochschulen.

Nicht Einzelfall sondern Grundproblem kirchlicher Kommunikation
Das Gremium betonte, dass es bei der Causa Wucherpfennig nicht um einen Einzelfall, sondern um ein Grundproblem kirchlicher Kommunikation gehe. Einmal mehr werde versucht, "ein theologisch und pastoral drängendes Thema disziplinarisch zu 'erledigen' und zu tabuisieren, anstatt dessen dringend nötige Klärung in einem offenen theologischen Prozess zu fördern".
In dieser Verweigerung des Dialogs sehe man ein Zeichen jenes Missbrauchs von Macht, der gerade vor dem Hintergrund der jüngst veröffentlichten Untersuchung zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland als Grundproblem scharf kritisiert worden sei, so der Fakultätentag.

Papst verlange kulturelles Laboratorium aber Praxis zeigt das Gegenteil

Für ihren Protest nehmen die Professorinnen und Professoren auch Papst Franziskus beim Wort. Dieser habe von der Theologie verlangt, ein „kulturelles Laboratorium“ zu sein, das an die Grenze und darüber hinausgehen solle, um in Fortschreibung einer lebendigen Tradition aus dem Glauben heraus für neue Herausforderungen neue Antworten zu suchen. Stattdessen würden Theologinnen und Theologen, die dies „in wissenschaftlicher Redlichkeit und in Loyalität zur Kirche“ täten, inkriminiert und – im Fall einer Abweichung von traditionellen Lehren – diskussionslos sanktioniert.


Wucherpfenning habe sich auf Papst verlassen und sei damit an die Wand gefahren
Michael Seewald, Theologe aus Münster, kritisiert die fehlende Bestätigung des Vatikan für eine weitere Amtszeit von Wucherpfennig. Dieser habe sich auf Aussagen von Papst Franziskus verlassen und „ist damit gegen die Wand gefahren“, so Seewald gegenüber Deutschlandfunk.
Seewald appellierte an die deutschen Bischöfe, in Rom deutlich zu machen, dass bestimmte Maßnahmen und Arten des Umgangs "in Deutschland einfach nicht akzeptabel sind". Theologen genössen verfassungsmäßige Rechte, die auch die katholische Kirche zu achten habe. Seewald beklagte anonyme Denunziationen in Rom, die zu fehlender Rechtssicherheit führten.

Forderung eines katholischen #metoo
Der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn fordert ein „katholisches #metoo“, Gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger (KStA) sagte der Theologe, ihm seien "selbst eine Reihe von Fällen" bekannt, ähnlich der derzeitigen Kontroverse.
„Wann hört ein solches autoritäres Gebaren in unserer Kirche endlich auf?“ empört sich der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer auf seiner Facebook Seite.
Thomas Schüller, renommierter Kirchenrechtler ruft ebenfalls zur Solidarität mit seinem Kollegen auf.

Kirchliches Verhalten entspreche wieder altem Kurs und gleiche erstarrtem Apparat
Werner D’Inka von der faz schreibt in einem Kommentar: „Die spinnen, die Römer. Die Kirche ist dabei, den katholischen Karren mit Karacho an die Friedhofswand zu fahren.“ Die Missbrauchsfälle hätten offengelegt, wie nahe die katholische Kirche an der Kippkante stehe. Zwar herrsche an maßgeblichen Stelle die Ansicht, es müsse Scham bekannt und Reue gelobt werden, doch das reiche nicht. Die Causa Wucherpfennig entspreche wieder ganz dem alten Kurs. Widerruf zu verlangen als wäre er ein Ketzer würde dem Verhalten eines erstarrten Apparates entsprechen.

Apostel Paulus wäre offen gewesen für Diskurs
Thomas Söding, Theologe an der Universität Bochum geht auf die Auslegung Wucherpfennigs von 2016 ein, die Auslöser für den gesamten Fall war:“ Ich sage mal: "Ehe für alle" wäre für Paulus sehr schwer vorstellbar gewesen. Aber der Apostel Paulus - dieser intellektuelle Typ - wäre der Letzte gewesen, der sich einem Diskurs mit der Psychologie und der Soziologie über die Entwicklung menschlicher Sexualität entzogen hätte. Da dürfen wir durchaus mit der Bibel weit über die Bibel selbst hinausgehen. Das würde ich auch von der katholischen Kirche erwarten. Das ist längst überfällig.“

Theologische Weiterentwicklung dringend gefragt
Die Initiative „Wir sind Kirche“ fordert „entschiedenen Widerstand“ gegen die römische Entscheidung.
Christian Weisner, Bundesteammitglied von „Wir sind Kirche“, ist der Meinung „dass wir dringend eine theologische Weiterentwicklung brauchen – ob mit Jesuiten oder ohne Jesuiten. Dass wir dringend eine theologische Weiterentwicklung brauchen – gerade in der Frage der Sexualmoral. Denn die Familiensynode und jetzt auch die Umfrage vor der Jugendsynode haben ja doch gezeigt, dass die kirchliche Botschaft von den Menschen überhaupt nicht mehr verstanden wird. Aber es geht jetzt nicht nur um das Verstehen der Botschaft sondern es geht darum zu fragen, gerade in diesem Fall der Homosexualität, um den es hier ja geht: Ist denn wirklich die kirchliche Lehre, so wie sie bisher gelehrt worden ist, ist sie wirklich richtig, entspricht sie der jesuanischen Botschaft oder ist sie nicht wirklich eine vollkommen falsche Sexualmoral, die auch mit den modernen Humanwissenschaften nicht mehr mithalten kann.“

Der Verifikationsprozess läuft noch
Ob das „Nihil obstat“ noch erteilt wird oder nicht ist nicht endgültig geklärt. Das aktuelle Statement aus dem Vatikan lautet: „Der Verifikationsprozess läuft noch.“

Definition des Nihil Obstat
„Nihil obstat“ ist eine Unbedenklichkeitserklärung des zuständigen Bischofs und meint, es gibt keine Bedenken, was die Rechtgläubigkeit, die Lehre oder den Lebenswandel eines Kandidaten betrifft, der für eine Professur vorgesehen ist. Ein "Nihil obstat" brauchen gemäß der Apostolischen Konstitution "Sapientia Christiana" (1979) für ihr Amt auch die Rektoren an kirchlichen Hochschulen. Deren Wahl muss die vatikanische Bildungskongregation bestätigen. In der Konstitution "Veritatis gaudium" hat Papst Franziskus Ende 2017 festgelegt, dass der Vatikan nun auch die Wahl von Dekanen kirchlicher Universitäten und katholisch-theologischer Fakultäten bestätigen muss.

Dieser Artikel ist eine Zusammenschau der Berichterstattung von jesuiten.at, faz.net, sueddeutsche.de, fr.de, faz.net, zeit.de, kathpress.at, katholisch.de, deutschlandfunk.de, domradio.de, kiz-online.de, hessenschau.de, fnp.de.

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