Stieglecker: Ohne liebevolles Einfühlen kein Dialog

Das 800-Seiten-Werk „Die Glaubenslehren des Islam“ des im Stift St. Florian wirkenden Priesters Hermann Stieglecker (1885-1975) aus dem Jahre 1959 war zu seiner Zeit eine Pionierleistung. Der Wiener Orientalist und Biograf Philipp Bruckmayr titelt über sein Leben: „Den Islam sehen, wie ihn die Muslime sehen“. Damit wird Stieglecker, der über 60 Sprachen beherrschte, ein Pionier des islamisch-christlichen Dialogs im deutschen Sprachraum.

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Propst Johann Holzinger vom Stift St. Florian, Philipp Bruckmayr vom Institut für Orientalistik und  Friedrich Buchmayr, Archivar und Bibliothekar im Stift St. Florian.
Foto in Druckqualität (Credit:  Medienbüro - fkaineder)

„Ohne diese Kenntnis, ohne dieses liebevolle Einfühlen werden wir dem Islam niemals nahekommen vermögen, ohne dieses Einfühlen verfehlt der gutgemeinte Händedruck seine Wirkung, geht der abwehrende Hieb ins Leere.“ Das schreibt Stieglecker 1935 in „Die islamische Lehre von der Absicht“. Darin widersprach er der damaligen Ansicht, dass der Islam „im langsamen Aussterben begriffen sei“.

Prophet des Zweiten Vatikanischen Konzils

Vielmehr fordert er ein neues Überdenken der christlichen Dogmen, wenn er 1962 in „Die Glaubenslehre des Islam“ schreibt: „…wir müssen aufgrund einer zuriefst greifenden Kenntnis der islamischen Lehren und der psychologischen Verfassung des gläubigen Mohammedaners unseren christlichen Dogmen neue Aspekte abgewinnen, Schwächen unserer bisherigen Beweisführung […] ausklammern und eine völlig neue Apologetik aufbauen, die dem Geist des Islam und den tausendjährigen Gedankengängen der Mohammedaner Rechnung trägt.“ Stieglecker war damit Vorreiter und Prophet des Zweiten Vatikanischen Konzils im Blick auf die Einsicht der Notwendigkeit einer Verständigung zwischen den Religionen. Er war mit Kardinal Franz König in Kontakt, der ihn in Rom bekannt machte. Durch Stieglecker begeistert und bewegt führte Kardinal König die zunächst heftig umstrittene Erklärung über den Dialog mit den Weltreligionen, Nostra Aetate, zu einer überzeugenden Annahme durch die Konzilsväter.

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Ein besonderer Schatz

„Arabistik und orientalische Sprachen wurden in der Lehranstalt des Stiftes St. Florian seit 1844 gelehrt. Das überrascht, zeigt aber  die damals gängige Weite in der Ausbildung. Der Alttestamentler und Orientalist Hermann Stieglecker fand diesen Nährboden vor und hat weiter pionierhaft gewirkt.“ Propst Johann Holzinger stellte diese Information an den Anfang des Symposiums des Forums für Weltreligionen über Hermann Stieglecker vom 16. – 18. Sept 2018 im Altomontesaal im Stift. „Dem Blick von außen durch das Forum für Weltreligionen verdanken wir das Wiederentdecken und die Wertschätzung dieses Pioniers in unserem Hause - vor allem im Verhältnis zum Islam. Wir hören dabei Worte, die genau in unsere heutige Zeit passen und den Dialog auf Augenhöhe wieder bekräftigen könnten. Er ist damit ein besonderer Schatz unseres Stiftes.“ Propst Holzinger und einige seiner Mitbrüder, die beim Symposium anwesend sind, haben das „Sprachengenie“ Stieglecker noch persönlich gekannt und erlebt. „Jeder Abend mit ihm war ein Erlebnis. Wir haben ihn als unglaublich gescheit, intelligent und als zukunftweisend erlebt.“

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Kritiker des Eurozentrismus und der Ignoranz anderen Kulturen gegenüber

Philipp Bruckmayr vom Institut für Orientalistik in Wien hat mit seinen umfangreichen Recherchen in der Bibliothek und im Archiv des Stiftes ein erstes umfassendes Bild gezeichnet. „Stieglecker hat sich schon in den 30-er Jahren  ausschließlich auf Originaldokumente und keine Sekundärliteratur bezogen. Das war ihm durch seine unglaubliche Sprachenkenntnis möglich. Sein Zugang zu anderen Religionen war, dass es ohne liebevolles Einfühlen keinen Dialog auf Augenhöhe geben kann. Genau diese Sichtweise war eine Pionierleistung, die sich im Zweiten Vatikanischen Konzil niedergeschlagen hat. Es gab allerdings auch mancherorts Verwunderung über sein Islam-Interesse.“ Bruckmayr zeichnet von Stieglecker ein bewegtes Leben als Seelsorger und Wissenschaftler. Geboren wurde er 1885 in Reichraming in OÖ. Nach dem Besuch des Staatsgymnasiums in Linz geht er zum Theologiestudium und wurde 1908 zum Priester geweiht. Schon damals hat man sein „Sprachgenie“ erkannt. Er hat deshalb eine Sondergenehmigung bekommen, „auch verbotene Bücher lesen zu dürfen“. Er studiert in Wien Orientalistik und unterrichtet ab 1927 in St. Florian an der Hausanstalt Altes Testament und „Arabisch für Theologen inklusive Koranlektüre“. 1929 kommt die umfangreiche arabische Bibliothek seines Lehrers Rudolf Geyer nach St. Florian und wird die Basis seiner Forschungen. In Prälat Vinzenz Hartl hat er einen besonderen Förderer und es wurde die bis heute in vielen Sprachen erhaltene Büchersammlung immer wieder erweitert. Nach dem Krieg kehrte er mit den Chorherren zusammen wieder in das Stift zurück und kaufte viele Bücher in Sanskrit und Chinesisch. Stieglecker hatte noch auf dem Totenbett die „Mao-Bibel“ liegen, interessierte sich für Marxismus und war ein Kritiker des Eurozentrismus und der Ignoranz anderen Kulturen gegenüber. Er hat sich damals gegen den „plumpen Antisemitismus“ ausgesprochen und sieht den Islam als Verbündeten, „sich jenen Kräften zu widersetzen, die Religionen verschwinden lassen wollen“. Bruckmayr ist froh, „dass wir in St. Florian diesen archivarischen Schatz haben“.

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Das Symposium ist geht von 17. - 19. Sept 2018. Das Generalthema: „Monotheismus. Interreligiöse Gespräche im Umfeld moderner Gottesfragen“. Hier geht es zum Programm.

Bibliothek des Stiftes St. Florian

Forum der Weltreligionen

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