Schule mit Kopf, Hand und Herz

Die aktuelle Ausgabe des Magazins ON Ordensnachrichten ist erschienen und wartet mit interessanten Beiträgen zum Thema „Junge ziehen“ auf. Wie zum Beispiel das traditionsreiche Abteigymnasium Seckau das Benediktinische „Ora et labora et lege“ einzigartig und zukunftsweisend umsetzt.

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Direktor Wilhelm Pichler und seine SchülerInnen: „Wir möchten mit unserem Bildungsangebot für das 21. Jahrhundert gerüstet sein.“ Foto: [rsonnleitner]

Wenn man das Abteigymnasium Seckau besucht, so hält man fast automatisch nach einem Neben- oder Anbau des Klosters Ausschau, so wie es bei vielen Klosterschulen wie zum Beispiel beim Stiftsgymnasium Admont der Fall ist. Aber tatsächlich befindet sich die Schule mitten im Gebäude der Benediktinerabtei. Durch den äußeren Klosterhof geht man, vorbei an Tischlerei und Destillerie, auf verwinkelten Stufen hinauf in den ersten bzw. zweiten Stock. Dort, wo früher sich auch Zellen der Ordensmänner befanden, sind heute die Klassenzimmer und Lehrsäle zu finden.

Vollgymnasium mit Tagesheim

 „Wir sind eine katholische Ordensschule mit Tagesheim, die sich an christlichen Werten orientiert“, bringt es Direktor Wilhelm Pichler, der Chemie und Physik unterrichtet, auf den Punkt. „Derzeit besuchen rund 280 Jugendliche in 12 Klassen das Abteigymnasium. Unser Ziel ist es, unsere Schülerinnen und Schüler in kleinen, aber konsequenten Schritten an eigenverantwortliches Arbeiten und selbstständigen Wissenserwerb heranzuführen.“ 1883 besiedelten Benediktiner aus Baden- Württemberg die seit den Tagen Kaiser Joseph des II. verlassene Abtei. In den 1920er-Jahren erfuhr das Stift unter Abt Benedikt Reetz seine größte Blütezeit. Sein Herzensanliegen galt der Erziehung der Jugend, Studenten und Jugendgruppen strömten nach Seckau, wo er ihnen christliche Gedanken zur Lebensbesinnung mitgab. Doch rund 20 Jahre später war das den nationalsozialistischen Machthabern ein Dorn im Auge. 1940 wurden Abt Benedikt und 85 Mitbrüder als Staatsfeinde verhaftet und das Kloster beschlagnahmt. Fünf Jahre später kehrten die überlebenden Ordensmänner zurück und legten den Grundstein für das Gymnasium (samt Internat), vorerst nur mit zwei Klassen. Doch bereits 1950 konnte die erste Matura abgelegt werden. In den 80er-Jahren bauten sie die Schule zu einem 8-stufigen (humanistischneusprachlichen) Vollgymnasium aus; aus der reinen Internatsschule entwickelte sich eine Tagesheimschule. 1999 entstanden im Dachboden ein lichtdurchfluteter Malsaal und im Nordtrakt ein neuer Turnsaal. Heute leben noch elf Benediktiner in Seckau.

Neues Schulkonzept und neue Unterrichtsgegenstände

Die Schule konnte bis zum Schuljahr 2017/18 mit einer Besonderheit aufwarten: Ab der fünften Klasse gab es zusätzlich zum normalen Fächerkanon der AHS in der Freizeit die Möglichkeit, eine handwerkliche Ausbildung zu erlangen. Die Auswahl beinhaltete Fotographie, Goldschmiede und Tischlerei. Die Werkstätten wurden von Fachleuten geleitet, die den Schülerinnen und Schülern das jeweilige Handwerk in Theorie und Praxis von der Pique auf lehrten. Doch aufbauend auf den Erfahrungen der vergangenen Jahre geht man mit dem Schuljahr 2018/19 neue Wege. Direktor Pichler: „Wir wollten uns als Schule weiterentwickeln und den Kindern eine so praxisnahe Ausbildung wie nur möglich bieten. Deswegen haben wir ein neues Konzept und in der Folge auch neue eigenständige Unterrichtsgegenstände entwickelt.“

Ein neuer Gegenstand nennt sich Werk:Statt:Luft. Von der 5. bis zur 7. Klasse Oberstufe werden sechs Themenbereiche des praktischen Arbeitens jeweils ein Semester lang unterrichtet. Holzbearbeitung, Goldschmiede, Medienwerkstatt, Repair-Café, Kulinarik und Bildhauerei sollen in einer größtmöglichen Bandbreite handwerkliche Traditionen und praktische Fertigkeiten vermitteln. Ein weiteres neues Lehrfach wurde Netz:Werk:Körper betitelt. Die Schwerpunkte liegen auf den Bereichen Biochemie, Humanbiologie, Sportwissenschaften, Erlebnispädagogik, Psychologie und Management und sollen Zugänge zu physischem und psychischem Bewusstsein in Bezug auf den eigenen Körper erschließen. Für Schülerinnen und Schüler, die sich weniger den Naturwissenschaften als den schönen Künsten zugeneigt fühlen, gibt es mit Netz:Werk:Kunst eine Alternative. Der neu geschaffene Gegenstand soll mit den Schwerpunkten Bildnerisches Gestalten, Ausdruck & Tanz, Musik, Digitale Medien, Sprache & Text sowie Bühnenspiel neue Zugänge zu aktuellen, aber auch traditionellen Gestaltungsformen der bildenden und darstellenden Kunst erschließen.

Respekt als Um und Auf

Neu ist auch ein Unterrichtsgegenstand namens #RESPECT, der sich mit Kommunikation in den Social Medias, mit Medien und Meinungsbildung kritisch auseinandersetzt – wichtig gerade in Zeiten von Fake-News. „Respekt ist das Um und Auf bei jeder Art von Kommunikation. Aber natürlich legen wir unser Hauptaugenmerk auf Plattformen wie Facebook oder WhatsApp, wo wir die Gefahren, die Risiken, aber auch die Chancen und Möglichkeiten aufzeigen“, erzählt Pichler. Ziel seien medienkritische und manipulationsresistente BürgerInnen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und sich deshalb auch in den Diskurs einbringen. „Es genügt nicht, sich zurückzulehnen und zu sagen, alles ist schlecht, sondern man muss es besser machen. Das möchten wir damit erreichen“, sagt Pichler.

Fit für die Zukunft mit neuem Lehrplan

Voraussetzung war eine komplette Entrümpelung des bisherigen Lehrplans. „Wir haben alle Gegenstände auf das Mindestmaß heruntergeschraubt und für die freiwerdenden Stunden mit den neuen Gegenständen einen eigenen Lehrplan kreiert“, berichtet Pichler. „Wir haben gesagt, wir möchten mit unserem Bildungsangebot ins 21. Jahrhundert hinausschauen.“ So wurde trotz aller anfänglicher Wehmut zum Beispiel Altgriechisch nur mehr als Wahlfach in den Lehrplan hineingenommen. Und Latein in der Unterstufe durch den sogenannten Sprachraum ersetzt, der Grundkenntnisse in gleich vier Sprachen vermittelt: Latein, Französisch, Italienisch und Spanisch.
Der neue Lehrplan wurde den Eltern und Kindern ab dem Herbst 2017 vorgestellt; das Feedback war äußerst positiv. Und zeigte sich auch in Zahlen: „Mit Beginn der Oberstufe passiert oft ein Schulwechsel“, weiß Direktor Pichler aus Erfahrung zu berichten. „Heuer sind so viele Kinder wie noch nie in den vergangenen 20 Jahren an unserer Schule geblieben.“ Das sei aber nicht nur dem neuen Lehrplan zuzuschreiben, sondern habe einen umfassenderen Hintergrund. „In einer Ordensschule können sich die Eltern auf die christliche Grundwertehaltung verlassen. Sie können sich darauf verlassen, dass ihr Kind – ganz nach unserem Leitbild – als ein von Gott geliebtes individuelles Wesen erkannt wird.“ Aber schon der hl. Benedikt sagte: Ora et labora et lege. Was die Ganzheitlichkeit des Menschen ausmacht, so braucht er neben theoretischem Wissen auch praktische Ausbildung. Wilhelm Pichler: „Deshalb lautet auch das Motto des Abteigymnasiums Seckau: Schule mit Kopf, Hand und Herz.“

[rsonnleitner]