Palliativstation St. Raphael: Ein Stück des Weges mitgehen

Einfühlsam und liebevoll betreut das Team auf der Palliativstation St. Raphael im Krankenhaus Göttlicher Heiland unheilbar kranke Menschen. Einen wesentlichen Beitrag zur emotionalen und seelischen Unterstützung von Patientinnen und Patienten und Angehörigen leisten die Ehrenamtlichen.

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Den Patientinnen und Patienten auf Augenhöhe zu begegnen und sie ihren Wünschen gemäß zu begleiten, ist das Ziel des Teams der Palliativstation St. Raphael.
Fotocredit: Alek Kawka

Der Alltag auf der Palliativstation St. Raphael im Göttlicher Heiland Krankenhaus unterscheidet sich deutlich von der üblichen Spitalsroutine. Hier ist alles darauf ausgerichtet, unheilbar kranken Menschen ein lebenswertes Leben zu ermöglichen. Lebenswert bedeutet, dass darauf geachtet wird, den Patientinnen und Patienten ein größtmögliches Maß an Autonomie, Ruhe und Intimität zur Verfügung zu stellen. Das Wichtigste aber ist, dass die Kranken unter keinen belastenden Symptomen wie starken Schmerzen, Atemnot, Übelkeit oder Juckreiz leiden müssen. Der Umgang mit unheilbar kranken Menschen ist eine enorme Herausforderung für das gesamte Palliativteam. Was nahezu alle Patientinnen und Patienten, aber auch viele Angehörige brauchen, ist die emotionale Unterstützung, um diesen Ausnahmezustand bewältigen zu können. Ein beträchtlicher Teil dieser emotionalen Unterstützung wird durch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geleistet. Auf der Palliativstation des Göttlicher Heiland Krankenhaus sind insgesamt rund 30 Ehrenamtliche im Einsatz.

Mag. Eva Tinsobin, MAS, Koordinatorin des ehrenamtlichen Teams: „Viele haben bestimmte Vorstellungen von den Tätigkeiten auf der Station, beispielsweise am Bett der Patientin oder des Patienten zu sitzen, ihre oder seine Hand zu halten, ihr oder ihm etwas vorzulesen.“ Das kommt natürlich vor, ist aber nicht so häufig der Fall, wie man annehmen könnte. „Häufig gehen wir von Zimmer zu Zimmer, bringen Kaffee, helfen bei den Essenslisten, räumen Wäsche ein oder Geschirr ab“, erzählt die Koordinatorin. Die zwischenmenschlichen Kontakte entstehen oft eher ganz nebenbei. Wenn die Patientin oder der Patient das ablehnt, wird das selbstverständlich akzeptiert und niemals persönlich genommen. Viele haben tagsüber Therapien und Besuche und benötigen anschließend Ruhe. Eva Tinsobin: „Weniger ist oft mehr. Und ich finde es sehr wertvoll, wenn jemand klar formuliert, was er braucht“.

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Eva Tinsobin begleitet seit 2014 unheilbar Kranke und koordiniert seit 2016 die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Fotocredit: Alek Kawka

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit ist eine wichtige Voraussetzung

Da die Patientinnen und Patienten in der Regel bis zu drei Wochen auf der Palliativstation verbringen und viele auch immer wieder kommen, bauen sich auch Beziehungen mit ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf. Häufig sind es aber einmalige Begegnungen, in denen dennoch Augenblicke großer Intensität entstehen können. „Vor ein paar Wochen durfte ich mich einer Patientin annehmen, die unter Atembeschwerden litt“, erzählt Eva Tinsobin. „Ich verbrachte eine Stunde bei ihr, und sie erlaubte mir, sie am Rücken zu halten.“ Die Patientin verstarb kurz darauf. Was in Erinnerung bleibt, ist der schöne Moment des Miteinanderseins und der Nähe.

Manchmal geht es ums Ausharren, ums Dasein und Nichtsmehrtun

„Wir sind keine Wohltäter“, ist Frau Tinsobin überzeugt, „wir geben etwas und bekommen so viel.“ Als Voraussetzung für diese Wahrnehmung und generell für die ehrenamtliche Tätigkeit sieht die Koordinatorin die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. „Gleichzeitig“, so Eva Tinsobin, „sind Interesse und Offenheit für andere Menschen, aber auch Empathie und Zugewandtheit wichtige
Eigenschaften für diese Tätigkeit.“ Die Grundlage zur Ausübung des Ehrenamts ist eine rund viermonatige Ausbildung in Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung. Nach einer dreimonatigen Probezeit auf der Station stellt sich heraus, wie geeignet die Interessentin/der Interessent für die ehrenamtliche Tätigkeit ist. Gefragt sind Fähigkeiten wie Achtsamkeit, Zurückhaltung, Raum geben und einfach „Da-Sein-Können“. Viele Kontakte mit den Patientinnen und Patienten laufen nonverbal und über den Tastsinn. „Doch berühren und berührt werden hat nicht unbedingt etwas mit Angreifen zu tun“, weiß Tinsobin aus Erfahrung. Manche Patientinnen und Patienten empfinden sich selbst allerdings nur noch als Belastung. Eva Tinsobin: „Genau dafür sind wir alle da, dass wir den Kranken diesen Druck wegnehmen und sie entlasten. Niemand soll hier die Zähne zusammenbeißen müssen. Wir gehen ein Stück des Weges mit. Und weil wir so viele sind, findet sich immer jemand, der passt.“ Die Patientin bzw. der Patient kann sicher sein, dass auf ihre bzw. seine individuellen Bedürfnisse eingegangen wird. Denn die Ehrenamtlichen stehen auch in ständigem Austausch mit dem hauptamtlichen Palliativteam.

Seit 2016 ist Eva Tinsobin für die Koordination der Ehrenamtlichen verantwortlich. Sie ist berufstätig und hat auch noch ein Studium zum Master in Palliative Care abgeschlossen. Die ehrenamtliche Tätigkeit beeinflusst ihre Lebenseinstellung nachhaltig. „Ich empfinde große Dankbarkeit dafür, dass ich gesund und mobil bin“, sagt Eva Tinsobin. „Wenn ich mich einmal ärgern muss oder Kopfschmerzen habe, ist das unangenehm. Ich weiß aber genau, welchen Stellenwert das hat.“

Gut begleitet bis zuletzt

Als erste Einrichtung dieser Art in Österreich ist die Palliativstation St. Raphael beispielgebend für viele Palliativstationen landesweit. Rund 4.500 unheilbar kranke Menschen wurden bisher vom multiprofessionellen Team behandelt und begleitet. Ziel ist, die Lebensqualität der Betroffenen im größtmöglichen Maß zu verbessern und ihnen zu einem möglichst selbstbestimmten Leben zu verhelfen. Bedarf und Bedürfnisse der Betroffenen stehen im Zentrum. Individuelle Zuwendung ist sehr wichtig.