Das Spirituelle Café im Ordensspital St. Josef Braunau

Dr. Ziereis 120Einmal im Monat treffen sich interessierte MitarbeiterInnen des Krankenhauses St. Josef Braunau, um eine Stunde bei einer Tasse Kaffee über Spiritualität zu sprechen. Worum geht es da? Ist das für die Arbeit im Krankenhaus relevant?

Bei Spiritualität denken viele Menschen an Esoterik oder verwechseln den Begriff mit Spiritismus, wo es um Tischerlrücken und Kontaktaufnahme zu Geistern geht. Das interessiert in der Tat wenig. Im „Spirituellen Café“ geht es um Spiritual Care im Rahmen der Palliativarbeit.
Im Wort Spiritual Care steckt sowohl der Begriff der Spiritualität als auch das englische „care“, das wiederum eine Entsprechung in dem alten deutschen Wortstamm Kar hat. Kar kennen wir von der Karwoche und dem Karfreitag. Es bezeichnet ein besorgt sein, klagen, seufzen und weinen. „Care“ bedeutet also im medizinischen Kontext eine Art des Bekümmert-Seins, eine Art Mitgefühl zu entwickeln. Nicht das Zerfließen in Mitleid, sondern eine Haltung, die hilft, auch für andere da zu sein. Spiritual Care tönt so ähnlich wie Palliative Care und tatsächlich stellt sie eine wesentliche Säule der Palliativarbeit dar.

Die Weltgesundheitsorganisation hat nach dem Vorbild von Cicely Saunders, der Begründerin der modernen Hospiz- und Palliativbewegung, neben der medizinischen und der psychosozialen Betreuung der PatientInnen auch die Sorge um die spirituelle Integrität der PatientInnen in die Definition von Palliative Care aufgenommen.
Der Begriff Spiritualität kommt eigentlich von der Beschreibung einer religiösen Frömmigkeit und wurde immer im Zusammenhang mit einer bestimmten Haltung und Übung religiöser Praxis benutzt, z.B. die Ignatianische Spiritualität der Jesuiten oder die Spiritualität der sufistischen Mystiker. Seit ca. vierzig Jahren hat sich der Begriff stark gewandelt und beschreibt auch den Umgang mit den letzten existenziellen Fragen aus der Perspektive von Menschen, die sich nicht in eine Religionsgemeinschaft eingebunden fühlen.

Was hat das mit der Medizin zu tun?

Wir wissen, dass Menschen, die mit schwerer und lebensbedrohlicher Krankheit konfrontiert sind, häufig nach dem Sinn der Krankheit und nach dem Sinn des Lebens an sich fragen. „Warum gerade ich?“ oder „Was kommt danach?“ sind typische Sorgen. Man bezeichnet sie als Spirituellen Distress. Untersuchungen belegen, dass sich bis zu drei Viertel unserer PatientInnen wünschen, mit ihren spirituellen Bedürfnissen von den MitarbeiterInnen der Krankenhäuser, insbesondere von den pflegenden HelferInnen und den ÄrztInnen, ernst genommen und unterstützt zu werden. Spiritual Care ist dabei kein neumodisches Wort für Krankenhausseelsorge und kann und will diese in keiner Weise ersetzen. Spiritual Care ist vielmehr die Bereitschaft, den Raum und die Gelegenheit zu schaffen, um mit PatientInnen über „Gott und die Welt“ ins Gespräch zu kommen, und zwar unabhängig von religiösen Glaubensbekenntnissen. Diese achtsame respektvolle Tugend des Zeit-Gebens und Zuhörens wird bei den Treffen im „Spirituellen Café“ geübt - und dadurch der „Gute Geist“ des konfessionellen Hauses unterstützt.

Foto: Dr. Helmut Ziereis, Anästhesist, Ärztlicher Leiter des Palliativteams Krankenhaus St. Josef Braunau