Krankenhaus St. Josef Braunau: Sterbe- und Trauerbegleitung bei Menschen mit muslimischem Hintergrund

2016 11 30 st josef braunau 120„Über den Tellerrand sehen! - diese Worte sind leichter gesagt als befolgt, und ehrlich gesagt fällt mir dies im Alltag oft schwer. Vor allem dann, wenn hinter der Kante des Tellerrandes eine fremde Kultur beginnt." Astrid Stachl, Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin im Krankenhaus St. Josef Braunau der Franziskanerinnen von Vöcklabruck, berichtet über interkulturelle Pflege und über Sterbe- und Trauerbegleitung bei Menschen mit muslimischem Hintergrund.

Trauer und Schmerz durch diese fremden Augen zu sehen entfacht oft Unbehagen, manchmal sogar Angst und bringt einen vielleicht sogar dazu, die Augen zu verschließen und mit Unverständnis zu reagieren. Dies ist nur menschlich, und ich spreche hier aus eigener Erfahrung.

Anfangs wollte ich nur eine Fachbereichsarbeit schreiben, die nicht alltäglich ist. Letztendlich bin ich an der Arbeit sehr gewachsen und sie hat mir gezeigt, wie unnötig diese oben genannten Gefühle und die hilflosen Reaktionen doch sind, denn am Ende sind wir alle gleich, wenn auch die Spielregeln abweichen.

Nachstehend habe ich versucht, die wichtigsten Punkte meiner Fachbereichsarbeit „Interkulturelle Pflege – Eine Gegenüberstellung von Islam und Christentum zur Optimierung spezieller Aspekte des Pflegealltages“ als eine Art Leitfaden zusammenzufassen und hoffe, euch damit so manche Situation zu erleichtern.

* Schon beim Anamnesegespräch die Strenge der Gläubigkeit und das Ausmaß, in dem die Religion praktiziert werden möchte, erfragen. Bei dieser Gelegenheit fragen, ob christliches Kreuz stört.

* Älteren islamischen Männern kann die weibliche Pflegeperson durch Vermeidung des Blickkontaktes Respekt zeigen. Wird weibliches Pflegepersonal nicht akzeptiert/respektlos behandelt, Arzt als Respektsperson einschalten.

* Für uns übermäßig wirkende Wehklagen und Krankenbesuche gelten im Islam als verpflichtend. Werden diese zum Problem, frühzeitig mit Respekt ansprechen (Vater, Ehemann, älterer Bruder) und einen Kompromiss finden (Aufenthaltsraum, kleinere Gruppen…)

* Eventuelle Verweigerung von Schmerzmedikation infolge des Gehorsam gegenüber Allah, mit dem Familienrat besprechen.

* Das Thema Ernährung ist oft schwierig (viele Vorschriften und Misstrauen). Mögliche Lösungen: Angehörige übernehmen die Versorgung, Beipackzettel bei Sonden-Kost beachten, Alkoholverbot auch bei Medikation beachten, erfragen der Verbote in der Fastenzeit (auch bezügl. Untersuchungen)

* Körperpflege: durch gleichgeschlechtliches Pflegepersonal, noch besser durch Angehörige; fließendes Wasser auch unter Verwendung eines Kruges; linke Hand ist die unreine! (Gesicht mit der rechten Hand waschen)

* Hat ein gläubiger Muslim die Unumstößlichkeit des unmittelbar bevorstehenden Todes akzeptiert, wird er lebensverlängernde Maßnahmen ablehnen. Auch die Angehörigen werden diese Maßnahmen verweigern, selbst wenn die Prognose gut sein sollte.

* Einzelzimmer, christliche Symbole entfernen, evtl. Koran auflegen. Familie des Sterbenden unbedingt frühzeitig informieren: sie fungieren als Sterbebegleiter und übernehmen meist die Bettung. Getränke sind wichtig, durstig sterben ist nicht erlaubt. Störungen auf ein Minimum reduzieren.

Ich denke, es ist wichtig sich vor Augen zu halten, dass am Ende eines Lebens die von Trauer und Schmerz Betroffenen im Vordergrund stehen. Auch wenn nicht alles verstanden werden muss, kann es doch akzeptiert werden, wenigstens für diesen wichtigen Augenblick.

Was uns unser Leben lang geprägt hat, wird uns in den letzten Stunden nicht verlassen und Ausnahmesituationen wie Trauer lassen Integration und Anpassung vergessen.

DGKP Astrid Stachl