"Waches Bewusstsein für die Nöte der Zeit"

Kardinal Christoph Schönborn hat den Einsatz der Schwesterngemeinschaft "Caritas Socialis" im Kampf gegen Not und Armut gewürdigt. Die vor 100 Jahren - am 4. Oktober 1919 - durch die selige Hildegard Burjan (1883-1933) gegründete "Caritas Socialis" zeichne sich durch ein "waches Bewusstsein für die Nöte der Zeit" aus, das sich nicht in Mitleidenschaft erschöpfe, sondern in die aktive Bekämpfung von Not und Armut münde, betonte der Wiener Erzbischof bei einem Gottesdienst aus Anlass des 100-Jahr-Jubiläums am Donnerstag in der Wiener Servitenkirche. Maßstab für das Handeln der "Caritas Socialis" sei bis heute der Ruf Jesu "Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!" (Mt 11,28); dies entspreche auch der "Spur des Franziskus", dessen Gedenktag am 4. Oktober ebenfalls begangen wird.

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Am 3. Oktober 2019 feierten über 500 Menschen einen Festgottesdienst mit Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn zum 100jährigen Bestehen der Caritas Socialis. Ein Demonstrationszug zog nach dem Gottesdienst in der Servitenkirche zum Gründungsort in der Pramergasse im 9. Bezirk. (c) Dostal

Es sei immer wieder eine spannende Frage, wie Institution und Charisma zusammenfinden - dies gelte auch für eine Institution wie die "Caritas Socialis" und die charismatische Gründerin Hildegard Burjan. So lange es aber kirchlichen Institutionen gelinge, einen Ausgleich von Institution und Charisma zu schaffen, wie dies der "Caritas Socialis" gelinge, so lange sorge er sich auch nicht um die Zukunft der vielen kirchlichen Einrichtungen wie Schulen, Ordensgemeinschaft und andere, so Schönborn weiter. Bei dem Gottesdienst erneuerten die anwesenden Mitglieder der Gemeinschaft schließlich ihr Versprechen, sich auch künftig ganz in den Dienst der Mitmenschen und ihrer Nöte zu stellen.

Die Schwesterngemeinschaft feiert ihr Jubiläum u.a. mit einem eigenen Festjahr unter dem Motto "menschen.leben.stärken". Der Gemeinschaft gehören derzeit 56 Frauen an, die in Kommunitäten in Wien, Deutschland, Südtirol und Brasilien leben. Neben den Schwestern gibt es auch noch einen kleinen Säkularkreis sowie einige externe Mitglieder. Letztere sind Frauen und Männer, darunter Verheiratete, die ein Versprechen ablegen, sich im Geiste der CS sozial zu engagieren und die Spiritualität der Gemeinschaft mitzutragen. Mitglieder des Säkularkreises versprechen hingegen u.a. auch Ehelosigkeit, sind aber nicht direkt Teil der engeren Schwesterngemeinschaft.

Im Geist der Caritas Socialis

Unvergleichlich größer ist freilich der Kreis der Mitarbeiter der Caritas Socialis. In den zahlreichen Sozialeinrichtungen der Schwestern gibt es rund 900 hauptamtliche Mitarbeiter und rund 550 Ehrenamtliche. Dazu kommen zahlreiche Praktikanten und Zivildiener. Insgesamt bis zu 2.000 Frauen und Männer engagieren sich allein in Österreich im Geist der Caritas Socialis und ihrer Gründerin Hildegard Burjan.

In Wien bietet die Caritas Socialis professionelle Pflege und Betreuung für alte und chronisch kranke Menschen an. Das CS Hospiz Rennweg beherbergt gleich mehrere Einrichtungen, die schwerkranken Menschen und deren Angehörigen zugute kommen: eine Palliativstation, eine Beratungsstelle für Hospizbegleitung, das Mobile Palliativteam, das Hospizteam der Ehrenamtlichen, das Projekt "Roter Anker" für Kinder und jugendliche Angehörige von Hospizpatienten sowie die Einrichtung "Begleitung in der Trauer" für die Zeit nach einem Todesfall.

Die CS führt Tageszentren u.a. für MS-Patienten und Demenz-Patienten, es gibt zudem einen eigenen MS-Wohnbereich und auch Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz. Weiters gibt es ein Mutter-Kind-Haus, Kindergärten und eine Sozialberatungsstelle, an die auch ein Kleiderlager und eine Lebensmittelausgabe angeschlossen sind. Um all diese Aufgaben besser bewältigen zu können, wurden von der Schwesterngemeinschaft einige GmbHs sowie die CS Caritas Socialis Privatstiftung gegründet.

Für Flüchtlinge und gegen Menschenhandel

Die CS-Schwestern engagieren sich auch für Flüchtlinge und deren Integration und sind mit anderen Orden in der NGO "Solwodi Österreich" aktiv, die sich gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel richtet. Solwodi ("Solidarity with women in distress"; Solidarität mit Frauen in Not) betreibt u.a. in Wien eine kleine Beratungsstelle sowie eine Schutzwohnung, in der Frauen (und ihre Kinder) vorübergehend seinen sicheren Raum finden, um ihr Leben neu zu ordnen.

In Brasilien ist die CS für ein Familiensozialzentrum und die Kinderpastoral der Diözese Guarapuava verantwortlich. In Brasilien gibt es rund 1.500 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Pionier im Hospizbereich

Bleibende Akzente hat die CS in Österreich vor allem im Hospizbereich gesetzt, wobei eine Gruppe um Sr. Hildegard Teuschl maßgeblich federführend war. Bei der Hospizarbeit legt die Caritas Socialis großen Wert auf die Mitarbeit Ehrenamtlicher. Dazu werden seit rund 40 Jahren eigenen Schulungen angeboten. Derzeit läuft bereits der 88. Kurs. Die CS ist auch einer der Träger des Wiener Kinderhospizes Momo und des Projekts "HPC mobil" (Hospizkultur und Palliativ Care in der Hauskrankenpflege).

Die Caritas Socialis gilt in Österreich aufgrund zahlreicher Innovationen und Pilotprojekten aber auch als Vorreiterin in der Betreuung und Begleitung von Menschen mit Demenz. So wurde auf ihr Betreiben hin 2014 das Projekt "Netzwerk demenzfreundlicher 3. Bezirk" gestartet. Ziel war und ist die vermehrte Teilhabe von Menschen mit Demenz am gesellschaftlichen Leben. Beteiligt sind sowohl Krankenhäuser, Pflegeheime und Organisationen mit dem Schwerpunkt auf der Betreuung von demenzkranken Menschen als auch weitere Organisationen und Institutionen wie Volkshochschulen, Büchereien oder eine Apotheke. Die Initiative wurde inzwischen auf weitere Bezirke ausgeweitet. So gibt es in den Bezirken besondere Beratungsangebote für Demenzkranke und ihre Angehörigen oder aber auch eigenen Gottesdienste für Menschen mit Demenz.

Hildegard Burjan (1883-1933) gründete die Caritas Socialis 1919 als Gemeinschaft von Frauen in der Kirche. Die verheiratete Mutter und Akademikerin mit wachem Blick für gesellschaftliche Entwicklungen beschritt neue Wege der Hilfe - als erste christlichsoziale weibliche Abgeordnete im österreichischen Parlament (1919/20) sowie als Gründerin der CS. Kraft für ihren Einsatz schöpfte sie aus dem christlichen Glauben, in dem sich die in Sachsen geborene Jüdin nach schwerer Erkrankung taufen ließ. Burjan wurde am 29. Jänner 2012 seliggesprochen.

Quelle: kathpress

[mgsellmann]