Vielfalt stärkt: Die eigene Meinung ändern ist anspruchsvoll

MSC 7284In einem Pressegespräch am 26. Feber 2018 nachmittags im Quo Vadis in Wien zum Thema „Vielfalt stärkt: für eine Kultur des verschiedenen Miteinanders“ betonte die Organisationsberaterin mit Schwerpunkt Selbstorganisation und Cohousing-Bewohnerin Hemma Rüggen: „Sich verändern lassen ist Voraussetzung dafür, dass Vielfalt stärkt.“ Sr. Beatrix Mayrhofer: „Vielfalt ist die Antwort der Liebe.“ Dieses Video fasst die Highlights zusammen. #VielfaltStärkt

Mit dem Themenfokus „Vielfalt stärkt“ weisen die Ordensgemeinschaften in den nächsten beiden Monaten auf eine ihrer Stärken hin, „den Wert der Vielfalt in der Einheit“. Abt Michael Prohazka vom Stift Geras hielt beim Pressegespräch fest: „Es ist der hl. Geist selber, der die Ordensgemeinschaften zur Vielfalt ermuntert. Der Trend zur Vereinheitlichung besteht immer dann, wenn die Angst vor dem Auseinanderbrechen Platz greift. Gerade in Zeiten, wo in der Gesellschaft diese Angst vor dem Auseinanderfallen geschürt wird, haben die Orden eine ganz besondere Aufgabe.“ Prohazka verweist darauf, dass im Stift Geras die Mitglieder „international“ zusammengesetzt sind: „Schon alleine diese Vielfalt der Mentalitäten und Kulturen sind eine Herausforderung, aber noch mehr ein Gewinn.“ Geras ist auch für die Natur und Kräuter bekannt. Der Abt spricht daher in Anlehnung an die Natur von der Gefahr durch Monokulturen: „Alle Monokulturen sind zum Aussterben verurteilt, weil dort die Natur krank wird. Überall dort, wo Vielfalt gepflegt wird, ist die Natur gesund, vital.  Ich glaube, diese Erfahrung mit der Natur sollten wir auch in unserem religiösen, spirituellen Leben nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern auch realisieren und pflegen. Wir müssen Vielfalt fördern.“ Prohazka verweist daher auch auf seine Erfahrung im Bereich einer „vielfältigen Liturgie“, die sich im Stift Geras gerade auch durch eine ostkirchliche Praxis ökumenisch darstellt. In der prämonstratensisch geprägten Spiritualität heißt es zur Vielfalt: „Vielfältig, aber nicht widersprüchlich und ausschließend.“

 

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Das hätte ich alleine niemals denken können

Als Organisationsberaterin mit dem Fokus Selbstorganisation und als Cohousing-Bewohnerin von Pomali in Niederösterreich spricht Hamma Rüggen grundsätzlichere Dimensionen von Vielfalt an: „Vielfalt ist ein unglaublich stärkendes Moment, wenn man weiß, wie es geht.“ Rüggen sieht in den verschiedenen perspektivischen Zugängen das größte Potential für Lösungsorientierung: „Eine Gemeinschaft wächst gerade an der Vielfalt der Perspektiven, der unterschiedlichen Meinungen. Aber das reicht nicht. Die Vielfalt wird erst nützlich, wenn wir miteinander etwas zu einem Gemeinsamen beitragen wollen und uns als Teil eines größeren Ganzen verstehen. Dazu ist es wichtig, dass wir unsere Meinungen und Perspektiven immer als begrenzt und nur als EINE Perspektive verstehen. Dass wir die anderen sogar brauchen, damit die Lösung „ganz“ wird.“ Und Rüggen weiß aus ihrer Cohousing-Erfahrung, dass die eigene Meinung ändern sehr anspruchsvoll, aber zielführend ist: „Als Bewohnerin von Cohousing Pomali habe ich schon öfter erlebt, wie begrenzt meine eigene Perspektive ist. Wenn wir im Kreis über etwas entscheiden und ich die Meinungen der anderen höre und merke: so habe ich das ja noch gar nicht gesehen, das ist ja eine ganz neue Perspektive. Wenn das so ist, dann ändere ich meine Meinung. Und genau das ist das Starke: sich selbst zu verändern, den Mut zu entwickeln, seine Meinung zu ändern und nicht darauf zu bestehen, sie durchzuboxen.“ Vielfalt wird auch nur dann gelingen, „wenn wir Vielfalt wollen und diese gemeinsame Vielfalt als Ganzes verstehen“.

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Das Pressegespräch im Quo Vadis. vlnr: Martin Pfeiffer, Sr. Beatrix Mayrhofer, Ferdinand Kaineder, Hemma Rüggen, Abt Michael Prohazka
(Bild in Druckqualität - mschauer)
 

Die Welt ist so komplex, dass wir Probleme längst nicht mehr alleine lösen können

Rüggen sieht heute eine komplexe Welt, wo es ohne zusammenspielende Vielfalt gar nicht mehr gehen wird: „Die Probleme sind so komplex und die Welt so dynamisch und unüberschaubar geworden, dass wir die Herausforderungen längst nicht mehr allein lösen können. Wir brauchen die Vielfalt und wir brauchen die Einsicht, dass wir die Beiträge aller brauchen, damit wir überleben.“ Rüggen nennt einige Faktoren für die stärkende Wirkung der Vielfalt: „Den Willen, überhaupt Teil eines Gemeinsamen zu sein und die Probleme gemeinsam anzugehen. Eine starke Ausrichtung auf einen Sinn, ein Ziel oder einen gemeinsamen Traum, der verbindet. Eine andere Art miteinander zu reden und zuzuhören, in dem Menschen nicht darum kämpfen müssen, etwas sagen zu dürfen. Schon Carl Rogers wusste: Wer kämpft, kann nicht zuhören. Menschen mit ihrem Einwand hören und das als Lösungsbeitrag sehen.“ Rüggen spricht auch von einer Umgebung, die Vielfalt braucht: „Einen sicheren Raum, in dem Menschen sich mit ihrer Unsicherheit, mit ihren unfertigen Ideen einbringen können, weil darin oft der Keim für das Neue steckt. Und eine neue Art Entscheidungen zu treffen: Entscheiden und ver-antworten dort, wo die Antworten sind: nahe an den Menschen, nahe an dem, wo das Problem auftritt. Das heißt möglichst viel an Entscheidungsfreiheit in kleine Teams abgeben.“ Hier sieht Rüggen auch in der Kirche eine Schwachstelle, „weil so viel von oben herab kommt oder angeordnet wahrgenommen wird“. Sie sieht gleichwertigere, auf Augenhöhe gestaltete Entscheidungsprozesse als substantiell: „Es braucht Gleichwertigkeit in der Beschlussfassung: Hier zeigt sich, ob die Vielfalt wirklich stärkt. Denn Entscheidungen so zu treffen, dass alle gleich viel wert sind, bedeutet, dass nicht die, die in der Hierarchie weiter oben sind, besser sind, mehr wissen oder über die anderen bestimmen können.“

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Martin Pfeiffer, Abt Michael Prohazka, Sr. Beatrix Mayrhofer, Heamma Rüggen (vlnr)
(Bild in Druckqualität - mschauer)

Vielfalt macht Bildung stark

Martin Pfeiffer vom Bildungszentrum Kenyongasse in Wien und im Vorstand der KKTH betont die Wichtigkeit der Ordenscharismen selber als vielfältige Basis und oft jahrhundertelange Erfahrung für Vielfalt. „Als Bildungszentrum können wir uns zum Beispiel auf unsere Gründerin berufen, die in einer vielfältigen multikulturellen Umgebung eine Bildungsarbeit in Vielfalt begonnen hat. Das sehen wir als Auftrag, auch heute die Vielfalt ganz praktisch zu leben.“ Vielfalt ist nicht einfach. Aber: „Auch eine Monokultur aufrecht zu erhalten ist anstrengend. Es geschieht allerdings subtiler.“ Zentral ist das gemeinsame Suchen nach dem, „was uns verbindet“. Menschen aus ihren „Schachteln“ herauszuholen, ist nicht einfach. Deshalb ist es wichtig, „dass wir Vielfalt wirklich wollen. Und nur so kommen wir auf Erfahrungsfelder, die wir alleine nie erreichen könnten.“ Als Vorstand in der Vereinigung der 26 katholischen Kinder- und Tagesheime in Wien (KKTH) berichtet Pfeiffer von der „großen Bandbreite der Ordenscharismen und der damit automatisch verbundenen Vielfalt“. Respekt und Toleranz sind konstitutiv: „Toleranz beginnt immer bei mir selber.“ Schade findet Pfeiffer, dass die Vielfalt nicht messbar ist. Er warnt aber davor, „weil in allem Zählen und Vergleichen das Unglück beginnt“. Das Wesentliche steht – wie er als Musiker auch weiß – nicht in den Noten: „Daher ist die subtile Beziehungskultur im Alltag wichtiger als alles nach außen Getragene Messbare.“

Vielfalt ist die Antwort der Liebe

Die Präsidentin der Vereinigung von Frauenorden Sr. Beatrix Mayrhofer betont gleich zu Beginn: „Der letzte Grund unseres Daseins ist Beziehung, die absolute Beziehung zu Gott, der die Liebe ist. Diese Liebe ist das Eins-Sein in der Differenz, in der Vielfalt in Einheit. Wir sind als Christen aufgerufen, Vielfalt zu leben und Einheit zu suchen. In der Vielfalt braucht es ein gemeinsames Ziel.“ Mayrhofer spricht die oft unübersichtlich empfundene Vielfalt der Ordensgemeinschaften selber an und betont, „dass diese Vielfalt die Antwort der Liebe ist“. Jede Gründung ist  eine Antwort auf eine spezielle Form der Not in der jeweiligen Zeit und Umgebung. Cholerakranke, Kinder, deren Mütter krank sind oder arme Kinder sind der jeweilige Ausgangspunkt für Ordensgründungen im 19. Jahrhundert: „Diese Gemeinschaften sind die liebende Antwort auf die Not der Zeit.“ Mayrhofer spricht heutige Bemühungen an, die Not unserer Zeit liebend zu beantworten, Beispiel Solwodi. Nächste Woche treffen sich europaweit Ordensverantwortliche in Rumänien (UCESM) unter dem Thema: Erweitere den Raum deines Zeltes: „Wir erarbeiten die Antwort der Ordensfrauen auf Migration und Flucht. Wir sind so nah dran am Thema und an der Mitte der Vielfalt.“

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Mit dem Plakat wird auf die Kraft der Vielfalt hingewiesen.
(Bild in Druckqualtiät - mschauer)

Die aktuellen ON Ordensnachrichten behandeln das Thema „Vielfalt stärkt“.

mp3Die Statements zum Nachhören.

[fkaineder]

 

Und hier sehen Sie die Langversion des Videos- der komplette Pressetalk: