Wenn wir nicht kommunizieren wollen, braucht es Kirche auch nicht mehr

hagenkord 120Ein arabisches Sprichwort sagt: „Ein guter Redner kann seine Zuhörer mit den Ohren sehen lassen“. Das Medienbüro der Ordensgemeinschaften zieht Bilder und Bewegtbilder dem geschriebenen Wort nicht vor, doch ist man sich durchaus bewusst, dass das „Sichtbarmachen“ gerade in Bezug auf die Ordenswelt starkes Potential in sich trägt. Auch bei Radio Vatikan hat man sich nun entschlossen, vieles Neu zu machen. Der Jesuit P. Bernd Hagenkord hat im Exklusiv-Videointerview mit den Ordensgemeinschaften zum Ende von Radio Vatikan, dem Anfang des neuen multimedialen Medienportals und den Kommunikationsfehlern der Kirche Stellung bezogen.

In der Woche vor Weihnachten wurde der seit 1931 existierende Radiosender der Päpste geschlossen. Und die Medienreform von Papst Franziskus ging in die entscheidende Phase. Das neue multimediale und mehrsprachige Medienportal www.vaticannews.va soll alle News-Portale des Vatikans an einem Ort vereinen.

P. Bernd Hagenkord erklärt im Exklusivinterview mit den Ordensgemeinschaften: „Wir wollen etwas Neues bauen, wir wollen nicht einfach nur die Sachen, die wir haben, zusammenkleben. Dazu gehört auch ein neuer Name – Rebranding auf Neudeutsch. Es soll auch sichtbar sein, dass es eben nicht Radio Vatikan und das Fernsehen CTV ist, sondern dass das etwas völlig Neues ist. Und ein bisschen angepasster als das Radio Vatikan in der Vergangenheit war.“

Man muss dahin gehen, wo die Leute sind, wo Interaktion ist, wo man kommentieren, Liken, Sharen kann

Hagenkord ist direkt und geht hart mit der eigenen Redaktion ins Gericht: „Kirche hat einen großen Kommunikationsfehler, also vor allem die Offiziellen der Kirche, die reden nämlich und hoffen, dass jemand zuhört, so wie klassisch bei Predigten. Ich behaupte einfach einmal, 80 Prozent, also die meisten Menschen, kriegen die ersten vier Sätze mit und dann verschwimmt das Ganze. Das ist auch bei kirchlicher Kommunikation so. Wir senden und hoffen, dass irgendjemand zuhört. Das ist natürlich Unfug. So funktioniert das nicht, so kommt man nicht an die Leute ran, und das hat auch die letzten 20 Jahre nicht funktioniert. Wir müssen uns das einmal eingestehen. Die Relevanz von kirchlichen Medien hat abgenommen. Also muss man dahin gehen, wo die Leute sind. Und da sind die Leute: Wo es Interaktion gibt, wo man kommentieren kann, liken kann, wo man seine eigenen Sachen einstellen kann.“

Er sieht die Umbrüche als Chance und nicht als Katastrophe: „Die Kirche geht in Europa zahlenmäßig zurück, da kann man jetzt endlich mal was ausprobieren. Ich halte es für eine große Chance, dass diese volkskirchlichen Strukturen, wie man so schön sagt, wegbrechen. Wir können endlich mal neue Sachen ausprobieren.“

Fokussierte thematische Vertiefung bei den Ordensgemeinschaften

Auch die Ordensgemeinschaften in Österreich versuchen immer wieder Neues, die Tore zu öffnen, die Welt da zu treffen, wo sie sich gerade befindet. Deshalb wurde 2012 das Medienbüro neu installiert. Auch im Jahre 2017 änderte sich auch der Aufbau der Medienarbeit: Man entschloss sich, fokussierter und tiefgehender zu arbeiten, um zu garantieren, dass gleichmäßig Schlaglichter auf alle wichtigen Bereiche gelenkt werden.

Deshalb begann man im 2-Monatsrhytmus die positiven Impulse der Orden für die Gesellschaft herauszuarbeiten. Entlang dem Motto der Ordensgemeinschaften: „einfach. gemeinsam. wach.“ (eine aktualisierte und anschlussfähigere "Übersetzung" der Ordensgelübde Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam) wurden, mit Start im Jänner, spezielle Themen und Aufgabenfelder der Orden intensiv medial aufbereitet. Das heißt, dass man sich aller verfügbaren medialen Kanäle intensiv bediente und auch neue Felder erschloss, auch wenn man kein Endverbrauchermedium sein will: Der Printbereich mit den ON-Ordensnachrichten, dem Magazin mit einer Auflage von 6.200, inkl. Plakaten, genauso wie Berichte in Tages-, Wochen- und Monatszeitungen auf der einen Seite und alle sozialen Medien auf der anderen Seite mit der Website ordensgemeinschaften.at als "Trägermedium".

Hatte man hier bisher mit Twitter und Facebook gearbeitet, kamen 2017 noch Instagram und vor allem Youtube in einer neuen Dimension hinzu, mit dem man einen neuen Schwerpunkt bedient: Videos. Um die 50 Langvideos hat das Medienbüro im Jahr 2017 produziert und ist damit ein Vorreiter im kirchlichen Bereich. Das Feedback und die Klickraten waren immens und zeigten, dass Bewegtbilder oft noch authentischeren Einblick in Lebenswelten geben können. So zeigt zum Beispiel Abt Johannes Perkmann von der Benediktinerabtei Michaelbeuern dass #GerechtigkeitGeht indem er erklärt, wie ökologisches, schöpfungsbewahrendes Wirtschaften in der Praxis aussehen kann: Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses wurde dieses Video beispielsweise 54.262 mal aufgerufen.

Mit dieser neuen Aufteilung der Themenfelder sollte nichts Neues erfunden werden, sondern Themen, die schon da waren, gebündelter aufgegriffen werden um sie nachhaltiger, vielseitiger und intensiver zu beleuchten. Die Ordensgemeinschaften reflektieren dadurch nochmals selbst ihre Charismen, Spiritualitäten, Kernthemen und Aufgaben nach außen. In Richtung Medienschaffender, Entscheidungsträger und Multiplikatoren. Intern entsteht und entstand dadurch eine noch intensivere Zusammenarbeit der Ordensleute und den vielen verantwortlichen MitarbeiterInnen verschiedener Werke und Einrichtungen. Auch das Zusammenwachsen von Männer- und Frauenorden wird gefördert, indem durch Videoportraits gegenseitig Einblicke in Gemeinschaften ermöglicht werden, die sonst oft nicht möglich sind.

Wenn wir nicht kommunizieren, können wir gleich zumachen

Man geht mit Hagenkord’s Wort d’accord:“Wenn wir das nicht nützen, wenn wir nicht kommunizieren wollen - Paulus sagt so schön:,„Weh mir wenn ich nicht verkünde“ - wenn ich dieses, „Ich will darüber reden was mich trägt und zwar so, dass Menschen etwas damit anfangen können“- wenn ich das nicht mehr habe, oder wenn Kirche als Ganzes das nicht mehr hat, dann können wir auch gleich zumachen, dann braucht es uns auch nicht mehr.“

Vaticannews.va soll verlässlich über den Vatikan informieren und zugleich auf die Nutzerbedürfnisse in den jeweiligen Ländern eingehen. Das Portal wird auch Inhalte von "Radio Vatikan" einbinden und eine Redaktion wird alle TV-Kanäle koordinieren. Bisher war die vatikanische Medienarbeit auf verschiedene Internetseiten verteilt: Der Sender Radio Vatikan, die Zeitung "Osservatore Romano" und das vatikanische Fernsehzentrum CTV betreiben eigene Auftritte. Daneben gibt es das Nachrichtenportal news.va, das wiederum Inhalte anderer Vatikanmedien verbreitet.

"Das vatikanische Mediensystem setzt auf Integration. Das steht im Einklang mit der von Papst Franziskus eingeleiteten Reform", erklärte man in einer Presseaussendung des päpstlichen Kommunikationssekretariats.

Ferdinand Kaineder vom Medienbüro sieht eine ganz große Ähnlichkeit in der Sichtweise der Medienarbeit: "Auch wir im Medienbüro der Ordensgemeinschaften entwickeln unsere Medienpräsenz entlang der "Integrierten Kommunikation". Das schafft eine besondere Zusammenschau und ermöglicht eine tiefe Authentizität. Außerdem wird damit das Miteinander gestärkt und den einzelnen Gemeinschaften, Werken, Einrichtungen und Themen ein innerer verbindender Faden gegeben. Gerade die noch ausstehenden Themenflächen "Vielfalt stärkt" und "Gemeinschaft hält" bringen genau das zum Ausdruck."

[mschauer]